Täglich zieht Jannes mit den Schnucken seiner Familie in die südliche Lüneburger Heide. Wie schon sein Vater und wie sein Großvater es getan haben. Ewig die gleichen Abläufe mit denen Jannes aufgewachsen ist. Eine scheinbar natürliche Ordnung. Zu ihr gehört aber auch der Lärm des nahen Truppenübungsplatzes. Genauso wie die Touristen, die regelmäßig über die Heide hereinbrechen, um die Idylle zu genießen, zu konsumieren. Auch wie der Wolf, der von fernen Berliner Politikern zurückgeholt wurde ohne die Heidjer zu fragen. Zurückgekehrt, lange nachdem der Großvater kurz nach dem Krieg angeblich den letzten erschossen hat, erschossen haben will. Danach existierte er in Geschichten, Erinnerungen, doch jetzt ist er allgegenwärtig, ungesehen, geisterhaft, hinterlässt Risse trotz des neuen Hütehundes. Die Heide kann auch öde und düster sein, bedrohlich und gruselig. Nicht so wie von Hermann Löns besungen, wie Heidelandschaft und Hirtenjunge auf vielen Bildern über deutschen Sofas vorgaukeln. Und dann sind da noch die neuen, die völkischen Siedler, auf den Spuren angeblich urdeutscher Idylle, völkisch mit neurechter Heimatpflege und Sonnenwendfeiern.

Eine ganz andere Art von Heimatroman, die Markus Thielemann uns mit seiner Geschichte erzählt. Eine zeitgemäße Geschichte, raue Wirklichkeit ohne Verklärung des Landlebens. Nicht nur der Wolf ist allgegenwärtig. Naturschutzgebiet einerseits, andersseits Geschützdonner vom Truppenübungsplatz und der Rüstungskonzern als Arbeitgeber. Und die Vergangenheit mit dem nahen Bergen-Belsen. Eine trügerische Idylle also, geschildert in kraftvollen Worten, poetisch, modern, spannend. Ein Roman aus der norddeutschen Provinz. Mittendrin in Heimat, Gewalt, Verdrängung, Gegenwart und Vergangenheit. Die Rehabilitation der Heidedichtung? Ganz zu Recht war der Roman auch in der Shortlist zum deutschen Buchpreis 2024.

Gustav Förster


Bibliographie

Zwischen Idyll und Illusion