Grace lebt zurückgezogen mit ihrem Hund, von ihr liebevoll „hässliche Töle“ genannt an „ihrer“ Bucht an der irischen Küste bei Ballybrady. Und wenn auf jemanden die Bezeichnung „harte Schale, weicher Kern“ zutrifft, dann ist das Grace. Ruppig und tiefsinnig, distanziert und zugewandt, eigenbrötlerisch, melancholisch, mit einem Humor, den man ertragen muss. Sie schwimmt gerne im offenen Meer. Ihren Lebensunterhalt verdient sie mit der Vermietung eines Cottage, ihr altes Elternhaus klein und düster am Rand der Bucht, direkt am Meer. Und mit selbst gefertigten Quilts. Im Frühjahr 2020 mietet Evan das Cottage. Er kommt aus Belfast und befindet sich nach dem Tod seiner Tochter Jessie gerade in einer Ehekrise. Von seiner Frau Lorna und seinem tauben Sohn Luca hat er sich immer mehr entfremdet und möchte an der schroffen irischen Küste in der Einsamkeit fernab der Großstadt wieder auf die Spur kommen. Zu sich selbst zurückfinden und nicht mehr trinken. Dabei wird er vom Lockdown überrascht, die Pandemie schaltet auf Turbo. Aus der eigentlich geplanten Woche, nach der er in sein altes Leben zurückkehren wollte, wird ein Aufenthalt von ungewisser Dauer. Das Leben steht still und er muss sich irgendwie mit seiner Vermieterin Grace und den manchmal etwas störrischen Dörflern von Ballybrady arrangieren. Und sie sich mit ihm. Und mit der unerwarteten Situation. 

“Mitternachtsschwimmer“ ist ein einfühlsamer Roman mit zwei eigenwilligen Protagonisten vor einer schroffen, wind- und wellengepeitschten Kulisse mit eben solchen Menschen. Eine Geschichte mit dem Duft von Salzwasser. Eine nachdenkliche Geschichte über schwere herausfordernde Zeiten, über Untiefen, Wirbel, Strömungen im Meer wie auch in der menschlichen Seele. Der Lockdown ist nur der Anlass für den unfreiwillig verlängerten Aufenthalt und Hintergrund der Geschichte die unmerklich einen Sog entwickelt, so wie die Strömung den Schwimmer mit sich zieht. Ein gelungenes  unaufgeregtes Debut der Autorin. Alles passt zusammen, Geschichte, Protagonisten, Schreibstil, Kulisse. 

Gustav Förster


Bibliographie

Zwei eigenwilligen Protagonisten vor einer wind- und wellengepeitschten Kulisse