Schon mit ihrem Roman DAS LEUCHTEN DER RENTIERE hatte die samisch-schwedische Autorin Ann-Helen Laestadius einen großen Erfolg. Es ist eine Geschichte aus dem hohen Norden Schwedens, aus Samland, einem Land unter dem Nordlicht am Polarkreis, das allein durch seine schiere Größe und Einsamkeit staatliche Behörden überfordert. Dort musste die 9-jährige Elsa als Zeugin eines Rentiermordes durch Wilderer erleben, was die Polizei, rechtlich absolut korrekt, als einfachen Diebstahl abtat, obwohl Rentiere als Lebensgrundlage das Ein und Alles der Samen sind. Nun hat die Autorin diese Geschichte mit DIE ZEIT IM SOMMERLICHT auf zwei Zeitebenen weitergeschrieben. In den 50er-Jahren kommen fünf samische Kinder in die „Nomadenschule“, die in dem Vorgängerroman nur andeutungsweise auftauchte, wenn Großmütter angesichts des Gebäudes Schweißausbrüche bekamen. Es ist eine Einrichtung, in der der schwedische Staat versucht aus Samen, seiner Ansicht nach rückständige Nomaden, Schweden zu machen. Alles Samische ist verboten, Sprache, Kleidung, Bräuche. Die Kinder erhalten sogar neue, schwedische Namen. Über alles wacht die Hausmutter Rita Ollson, die „Hexe“, mit unerbittlicher Härte, ja Brutalität. Nur eine Erzieherin, Anna, kümmert sich in unbeobachteten Momenten rührend um die Kinder, verschwindet aber. Nur bei offiziellen Anlässen dürfen die Kinder in samischer Tracht an- / auftreten, haben als „Folkloremaskottchen“ zu funktionieren. 30 Jahre später, auf der zweiten Zeitebene der Geschichte in den 80er-Jahren, sind diese Kinder Erwachsene, selber Eltern. Aber das „Päckchen“ Nomadenschule lastet weiter auf ihnen, müssen sie weiter mit sich herumschleppen. Auf ihren Seelen lastet der „Trauerstein“. Eine von ihnen versucht ihre samische Herkunft zu verbergen. Eine andere muss sich sogar als Altenpflegerin um Rita Ollson kümmern. Rachegedanken erwachen.
5 Kinder, 5 Erwachsene, ein emotionales Thema und dunkles Kapitel der schwedischen Geschichte. Eine Geschichte von Diskriminierung, Rassismus und Willkür. Von zwangsweiser Umerziehung indigener Völker, Unterdrückung einer ganzen Kultur. Hervorragend erzählt von einer Autorin, Journalistin und Kriminalreporterin, die selber aus einer samisch-finnischen Familie stammt . Ein eindringliches Plädoyer für die Rechte indigener Völker, in das auch Erfahrungen der Mutter der Autorin auf einer „Nomadenschule“ eingeflossen sind. Eine tragische aber auch schöne und lesenswerte Geschichte die auch völlig unabhängig von ihrem Vorgänger gelesen werden kann.
Gustav Förster
Bibliographie