„Gerne würden wir Leser wissen wie es weitergeht, mit Tilda, mit Ida, in Berlin, in der Fröhlichstraße“ so endete vor ca. 1 Jahr mein Buchtipp des Romans „22 Bahnen“ von Caroline Wahl. Diesen Wusch hat die Autorin jetzt mit ihrem neuen Roman „Windstärke 17“ erfüllt. Und wie! Aber es ist nicht einfach eine Fortsetzung. Es ist eine neue Geschichte. So wie „22 Bahnen“ die Geschichte von Tilda war, ist es jetzt die Geschichte von Ida. Mehrere Jahre sind verstrichen. Tilda hat ihren Abschluss, hat Familie und ist von Berlin nach Hamburg gegangen. Ida ist bei der alkoholkranken Mutter, bei „Mama“ geblieben, im traurigen Haus in der Fröhlichstraße. Statt zu malen schreibt sie jetzt und möchte Literatur studieren, ist in Leipzig aber nicht angenommen worden. Während sie sich eine kurze Auszeit genommen hat, hat sich die Mutter mit einer Überdosis das Leben genommen. Voll Wut und Trauer packt Ida nach der Beerdigung, an der sie nicht teilgenommen hat, nicht teilnehmen konnte, den alten Hartschalenkoffer ihrer Mutter, lässt die Wohnung so wie sie ist zurück, kündigt die Miete und nimmt den Zug zum möglichst weit entfernten Ziel. Nach Rügen. Immer mit der Wolke „Mama“ im Gepäck. Dort lernt sie Marianne und Knut kennen. Sie ehemalige Lehrerin, er hat eine Kneipe, in der Ida jobben möchte. Marianne und Knut nehmen sie auf. In der Kneipe lernt sie Leif kennen. Doch auch über Rügen ziehen dunkle Wolken auf und Ida muss sich ihnen stellen.
Nach Tildas Geschichte jetzt die von Ida. Eine Geschichte mit elementarer Wucht. Voller Wut und Trauer. Authentisch. Ungeschönt. Ein großer Wurf in Caroline Wahls unverwechselbarer Sprache. Mit wenig Worten viel gesagt. Das Schwere leicht geschrieben. Ein Wirbelsturm der Emotionen. Verwirrung der Gefühle. Idas Mamaliebe. Idas Selbstfindung. Idas Kampf. Gegen die Ostseewellen, die Erinnerungen, den Sturm in ihrem Kopf. Hätte sie die Mutter nicht allein lassen dürfen? Eben Windstärke 17, auf der Beaufortskala Windgeschwindigkeiten über 203 Km pro Stunde, ein Super-Hurrikan, ein Super-Taifun, bei dem kein Mensch mehr stehen kann. Erzählt von einer Autorin, die wie sie selbst sagt, beim Schreiben nicht an die Leser denkt, sondern einfach ihre Geschichte erzählt, in ihren Worten, in ihrem Stil. Und der ist großartig. Ein Buch, das einlädt, es in einem Zug zu lesen. Unabhängig von seinem Vorgänger. Wer die Vorgeschichte von Tilda nicht kennt, der Roman “22 Bahnen“ ist jetzt im April als Taschenbuch erschienen. Der neue Roman „Windstärke 17“ von Caroline Wahl erscheint am 15. Mai im Dumont Verlag.
Gustav Förster
Bibliographie