Ein alter Mann liegt in einer Abtei im Sterben. 40 Jahre hat er hier gelebt ohne je das Gelübde abgelegt zu haben. Michelangelo Vitaliani, genannt Mimo. Nun neigt sich sein Leben dem Ende zu. Bilder und Erinnerungen ziehen durch seinen Kopf. Als kleiner Junge ist er von seiner Mutter aus Frankreich nach Ligurien, nach Pietra d`Alba, geschickt worden, um dort bei einem Onkel Alberto zum Steinbildhauer ausgebildet zu werden, so wie sein Vater einer war. Mimo ist kleinwüchsig, 13 Jahre alt und wird von dem Onkel schamlos ausgenutzt. Aber er ist begabt und lernt allen Hänseleien, Zwerg, Gulliver, zu trotzen. In Pietra d`Alba lernt er die gleichaltrige Viola kennen. Jüngstes Kind der reichen Landadel-Familie Orsini. Viola möchte so gar nicht in das vorgegebene Schema der Tochter aus besserem Hause passen. Sie ist unangepasst, aufmüpfig, unkonventionell, möchte studieren, möchte fliegen. Sie liest sich heimlich durch die Bibliothek ihres Vaters und lässt Mimo daran teilhaben, bringt ihm heimlich Bücher zu ihrem geheimen Treffpunkt, hat große Träume für ihn. Im Dorf kursieren Gerüchte über Voila, die eine Bärin aufgezogen und gezähmt hat. Eine tiefe Freundschaft entsteht zwischen den Beiden, über Klassengrenzen hinweg. Klassengrenzen, die Mimo immer wieder zu spüren bekommt. Genau wie Demütigungen auf Grund seines Wuchses. Er wird gefeierter Bildhauer sowohl der römischen Kurie wie auch der Mussolini-Faschisten, den Schwarzhemden. Er geht nach Florenz, nach Rom, aber auch immer wieder zurück nach Pietra d`Alba.  Weg von Viola, hin zu Viola. Sie verlieren sich, finden sich. Sind Gegner und Verbündete. Mimo schafft eine verstörende Pieta.  Viola beugt sich doch den Konventionen. Aber die Verbindung zwischen ihr und Mimo bleibt bestehen, zwei Magnete, die sich anziehen aber auch abstoßen.

Ein grandioses Leseerlebnis ist dieser 2023 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnete Roman. Ein verschachteltes Leben zwischen Kunst, Klerus, Politik und Liebe. Über Kunst, Bildhauerei. Über Freundschaft, Liebe. Über Klassengrenzen. Über anders sein, Kollaboration, Rollenbilder,  Diskriminierung, Abschiednehmen. Tragisch, melancholisch, zärtlich. Erzählt aus der Perspektive des Sterbenden wie auch aus der Sicht auf sein Leben, die Zeit, die Geschichte. Bis zur letzten Seite perfekt komponiert von einem Autor, der Drehbuchscheiber und Filmemacher ist.

Gustav Förster


Bibliographie

Was ich von ihr weiß