Mattanza, das ist das über Jahrhunderte eingeübte Ritual der Thunfischjagd im südlichen Italien. Angeführt wird siw vom Rais, dessen Amt traditionell in einer Familie von Generation zu Generation weitergegeben wird. Doch nun hat Gott, so es ihn denn gibt, auf der Insel Katria anscheinend einen Fehler gemacht. Als der alte Rais einen Schlaganfall erleidet, droht die 400 Jahre alte Kette zu reißen. Ein männlicher Nachfolger fehlt. So übernimmt notgedrungen Nora das Amt, eine junge Frau in der harten Welt der Tonnaroti. Ein schwaches Glied, wie der alte Rais denkt, aber die Kette wird nicht reißen. Traditionelle Rollen geraten damit ins Wanken. Gleichzeitig scheinen die Schwärme auszubleiben. Große Fabrikschiffe die von weither kommen fangen sie schon weit vor der kleinen Insel ab und der Besitzer der Fischkonservenfabrik, die den Frauen der Insel lange Arbeit geben hat, denkt über den Verkauf nach. Aber Nora gelingt ein außerordentlicher Fang: 1241 Thunfische. Fast so viele wie ihr Großvater geschafft hat. Gibt es doch eine Zukunft? Gleichzeitig tauchen Besucher in dem pittoresken Dorf auf, Touristen. Und fremde Menschen in kleinen, kaum seetüchtigen Booten. Flüchtlinge, die sie retten. Aus den Fischern werden Menschenfischer, Retter.

Vom Cover des Buches lädt ein ernsthafter, tiefgründiger aber auch geheimnisvoller Blick auf, es in die Hand zu nehmen und zu lesen. Schon mit dem ersten Satz „Wenn es einen Gott gibt, hatte er diesmal einen Fehler gemacht“, zieht es in seinen Bann und lässt den Leser nicht wieder los. Schnörkellos schildert die Autorin in ihrem Debütroman, sie lebt und arbeitet in Tübingen, in wundervoll gesetzten Zeilen das harte Leben der Tonnaroti, ohne dabei die Mattanza (die wörtliche Übersetzung von Mattanza ist Schlachten) zu beschönigen. Ihre Beschreibung dieses brutalen und fast choreografisch eingeübten Rituals erinnert beim Lesen schon ein wenig an Melvilles Beschreibung des Walfangs. Es ist aber auch eine ergreifende und mitreißende Geschichte über den unaufhaltsamen Wandel, über Menschen, über Landschaften, Traditionen und über Rollenerwartungen. Sie ist auch ein wenig wehmütig, diese knapp 180 Seiten lange Geschichte über eine kleine Insel im Meer der Globalisierung. Tiefgründig wie der Blick auf dem Cover. Manchmal auch mystisch. Und vor allem absolut lesenswert.

Gustav Förster.


Bibliographie

Tradition gerät ins Wanken