Mit meinem letzten Buchtipp in diesem Jahr möchte ich Ihnen ein Buch ans Herz legen, das ich im Nachhinein betrachtet viel eher hätte lesen und empfehlen sollen! Es ist der Roman „Paradise Garden“ von Elena Fischer, ein Debutroman der es sofort auf die Longlist zum Deutschen Buchpreis geschafft hat und in die Shortlist zum Lieblingsbuch der unabhängigen Buchhandlungen. Es ist die Geschichte von Billie, die aus der Sicht von Billie erzählt als Coming-Of-Age- Geschichte beginnt und zur Roadnovell wird.

Billie steht kurz vor ihrem 15ten Geburtstag und lebt mit ihrer Mutter Marika in prekären Verhältnissen in einer sperrmülleingerichteten Zwei-Zimmer- Wohnung in einer Hochhaussiedlung, deren Anschrift in einer Bewerbung schon die Garantie für eine Absage ist. Die Mutter sorgt mit zwei Jobs für ein knappes Auskommen, das oft nicht ganz bis zum Monatsende reicht. Wenn doch einmal Geld da ist, leistet sich Billie den teuersten Eisbecher „Paradise Garden“ und träumt vom Meer. Ein plötzlicher kleiner Geldsegen aus einem Gewinn weckt Urlaubsträume. Doch dann kommt die Großmutter aus Ungarn, fällt schimpfend in das Leben der Beiden ein und nimmt Billies Zimmer in Beschlag. Billie muss zu ihrer Mutter ins andere Zimmer auf die Luftmatratze ziehen. Bei einem Streit bei dem die Großmutter Billie die Schuld an der Armut der Mutter gibt, kommt es zum Eklat, den die Autorin schon zu Beginn in den ersten Sätzen verraten hat. Billies Leben zerfällt in zwei Teile: Ein Davor und ein Danach. Davor war die Mutter die Antwort. Danach war sie die Frage. Billie hat keinen Grund mehr zu bleiben und schnappt sich das alte, schon lange nicht mehr TÜV-abgenommene Auto der Mutter. Und macht sich mit einem Ortsnamen und einem zerrissenen Foto, das ihre Mutter mit Billie auf dem Arm und einem Arm über der Schulter zeigt, auf die Suche nach dem Vater, von dem die Mutter immer nur, wenn überhaupt, als Arschloch gesprochen hat. Und auf die Suche nach dem Meer, von dem sie immer geträumt hat.

Es ist eine tiefgründig und temporeich erzählte Geschichte einer Kind-Mutter-unbekannter Vater-Beziehung und der Suche nach sich selbst, der Identität, der Herkunft mit einer trotzigen und liebenswerten, unangepassten und willensstarken  Ich-Erzählerin. Eine Geschichte über ein Leben mit mehr Fantasie als Geld, über Freundschaft, Traurigkeit und Glück. Über Wut und Anteilnahme - falsche und richtige. Über Identität - wo komme ich her, wer bin ich, wo will ich hin? Und Geheimnisse. Souverän erzählt ohne Kitsch oder Gefühlsduselei. Ein Buch über ein junges Leben mit Ebbe und Flut. Hätte ich es eher gelesen, wäre mir die Entscheidung bei der Wahl des Lieblingsbuches schwerer gefallen.


Paradise Garden