Die Geschichte eines Wassertropfens vom assyrischen Königreich in Ninive (heute Mossul) bis in das London der Gegenwart bildet die Brücke zwischen den Geschichten die Elif Shafak in ihrem Roman mit orientalischer Fabulierlust erzählt. Sie erzählt die Geschichte der neunjährigen Narin die langsam aber unaufhaltsam ihr Gehör verliert und wegen eines Dammbauprojektes ihre Heimat am Tigris verlassen muss. Sie findet am Tage des Aufbruchs das Grab von Arthur, der zweiten Hauptperson des Romans, ein Außenseiter und Autodidakt, geboren  in einem Elendsvierteil des London des 19. Jahrhunderts. Er stolpert über ein Buch über Mesopotamien, das Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris, das ihn so sehr fesselt dass er sich auf die Suche nach dem ältesten Gedicht der Menschheit macht, dem Gilgamesch-Epos. Mehr als hundert Jahre später lebt die junge Hydrologin Zaleekhah in einem Hausboot auf der Themse. Sie ist Forscherin und nach einer erfolgreichen Karriere auf der Suche nach sich selbst und dem Beweis für die These, Wasser habe ein Gedächtnis. Diese Geschichten verbindet die Autorin mit der eines Wassertropfens, einer ewigen Wiederkehr. Er fällt vom Himmel, bildet Rinnsale, Bäche, Flüsse, Ströme, Seen und Meere, wird gebraucht, wird missbraucht, verdunstet, steigt auf, bildet Wolken und fällt wieder auf die Erde. Ein immerwährender Kreislauf, Grundlage jeglichen Lebens. Die Autorin verwebt die Geschichten dabei sorgfältig und gekonnt mit geschichtlichen Hintergründen wobei jeder Erzählstrang für sich selbst steht, eine eigene Geschichte ist. Die Suche nach dem Gilgamesch-Epos. Die älteste Bibliothek in Ninive. Ein grausamer Herrscher mit Vorliebe für das Schöne. Euphrat und Tigris, der eine quirlig, der andere bedächtig, die das Zweistromland bilden und die ersten Ackerbaukulturen ermöglichten. Und die Verfolgung und der Völkermord an den Jeziden durch den islamischen Staat. Die Geschichten fließen zu einem großartigen Roman zusammen, so wie sich Euphrat und Tigris zum Schatt-al-Arab vereinen.

Ein großartiger beeindruckender, märchenhafter Roman von einer britisch-türkischen Autorin, ganz in der Tradition der arabischen Erzählkunst. Erzählen um des Erzählens Willen, wie an den Feuern der Karawanserei.

Gustav Förster 


Bibliographie

Geschichte eines Wassertropfens