Mit meinem neuen Buchtipp möchte ich Sie, liebe Leserinnen und Leser, in eine andere, uns fremde Welt einladen, in die des orthodoxen Judentums in Golders Green im Nordwesten Londons. Mit 19 Jahren hat die eigenwillige Chani Kaufmann gegen den Willen ihrer Schwiegermutter den angehenden Rabbiner Baruch Levy geheiratet, den sie vorher gerade dreimal gesehen hat. Eine eher unorthodoxe Ehe in einer streng religiösen, ultraorthodoxen Umgebung mit Pflicht zum Kinderkriegen. Kinderzwang statt Kinderwunsch. „Seid fruchtbar und mehret Euch!“ als biblischer Auftrag. Und Chani, bei Eintritt in die Ehe absolut unaufgeklärt, wird und wird nicht schwanger. So findet sie sich bald in einer Kinderwunschklinik wieder, während ihre intrigante Schwiegermutter schon nach einer anderen, geeigneteren Ehekandidatin für ihren Sohn sucht, sich sogar an eine Ehevermittlerin wendet. Gleichzeitig kommt Baruchs bester Freund Avromi statt zur Talmudschule zu gehen in Tel Aviv, wo man im Gegensatz zu Jerusalem spielt statt zu beten, vom rechten Weg ab und lernt am Strand die körperliche Liebe kennen. Und dessen Mutter Rivka bricht gleichzeitig in Jeans statt angemessener Kleidung aus der Ehe mit dem früher einmal liberalen Rabbiner Chaim Zilberman aus und sorgt damit für Tuschelei und Distanzierung. Und Chani muss erfahren, dem Kinderzwang kann sie nur unter Missachtung religiöser Dogmen nachkommen.

Das alles schildert die Autorin Eve Harris, polnisch-israelischer Herkunft, in England Lehrerin, auch an jüdischen Schulen, in ihrem Roman „Die Hoffnung der Chani Kaufman“, dem zweiten mit der Protagonistin, mit viel Insiderwissen und genauso viel Humor, britischem wie auch jiddischem. Sie entführt uns in eine streng patriarchalische Gesellschaft mit beklemmenden Konventionen und Ritualen, freiwillig abgekapselt mit vielen Widersprüchen, inneren wie äußeren. Eine Welt, fromm aber intolerant, straft sie doch jede Abweichung, jeden Versuch des Ausbruchs mit Ächtung. Sie würzt ihre berührende Geschichte mit distanzierter Zärtlichkeit, immer verbunden mit dem Augenzwinkern des Ghettowitzes. Ein Roman und eine Milieustudie, manchmal bitterböse aber trotz aller ironischen Distanz auch mit Verständnis für eine Gesellschaft, anders und fremd, verharrend in scheinbar unverrückbaren Dogmen und Vorschriften, aber doch allgegenwärtig. Eine Welt, in der Liebe nur den religiösen Alltag stört. In der die Ehe nur einen Zweck hat, Kinder in die Welt zu setzen. Eine wunderbare, weder anklagende noch unkritische Geschichte, die humorvoll von Widersprüchen lebt und uns den Blick über den Tellerrand ermöglicht.

Gustav Förster


Fremd und doch so nah