Ewald Frie, der Autor des Buches „Ein Hof und elf Geschwister“ ist Professor für Neuere Geschichte in Tübingen. Geboren 1966 als neuntes von elf zwischen 1944 und 1969 geborenen Geschwistern, wuchs er auf Hof 17 der Bauerschaft Horst im Münsterland auf. Der eine Nachbarhof war 150 Meter entfernt, der andere 300 Meter, der dritte 1 Km, schon in einer anderen Bauerschaft. Alle Brüder und Schwestern, außer dem ältesten, dem Hoferben, haben den Hof verlassen und Berufe außerhalb der Landwirtschaft ergriffen. In seinem Buch erzählt Ewald Frie die Geschichte der Kindheit auf dem Bauernhof mit dem immer schwer arbeitenden Vater und der streng gläubigen aber auch bildungshungrigen Mutter. Es ist aber auch eine Geschichte der jungen Bundesrepublik und des langsamen und stetigen Abschieds vom traditionellen Bauerntum, so wie es immer noch in unseren Köpfen existiert und in Geschichten und Bilderbüchern intensiv gepflegt wird. Das in Wirklichkeit aber der Vergangenheit angehört, abgelöst durch die hochgradig mechanisierte Landwirtschaft der Agrarbetriebe. Ewald Frie erzählt dabei eine Geschichte in die er selber verstrickt ist, er bezeichnet sich dabei selbst als voreingenommen. Er erzählt auch nicht alles denn er möchte auch weiterhin mir seinen Geschwistern Feste feiern und Doppelkopf spielen. Für das Buch hat er seine Brüder und Schwestern, die Namen sind geändert, interviewt und auch ausgiebig Quellenstudium betrieben. Dabei hat er trotz Detailtreue und Objektivität Distanz bewahrt. Sachlich, klug und wohlwollend schildert er auf knapp 175 Seiten die durch die Mechanisierung bedingten Veränderungen in der Landwirtschaft in seiner Jugendzeit, den Weg vom Bilderbuch-Bauernhof zum Agrarbetrieb. Das Buch ist ein Geschichten erzählendes Sachbuch mit vielen Fußnoten, das ganz zu Recht schon auf der Auswahlliste zum deutschen Sachbuchpreis steht. Ein Buch für Leserinnen und Leser, die sich für die Geschichte der Bundesrepublik interessieren genau wie für jene, die sich für die Entwicklung der Landwirtschaft in dieser Zeit interessieren, geschildert aus der Sicht von jemandem, der direkt davon betroffen ist. Kein wehmütiger Abgesang an eine Welt die nicht mehr ist, sondern eine sachlich fundierte Schilderung ohne Verklärung oder Bitterkeit. Gern gelesen und empfohlen.
Gustav Förster
Bibliographie