Mit meinem aktuellen Buchtipp, liebe Leserinnen und Leser, lade ich Sie ein nach Tiverton. In das staubige Hinterland von Australien, in das Outback jenseits der Auswandererträume. Tiverton Hills, das ist eine langgezogene Linie graublauer Hügel, die immer in weiter Ferne scheinen auch wenn man sich ihnen nähert. Seit drei Jahren versieht Constabler Hirschhausen, kurz Hirsch genannt, hier seinen Dienst in seiner Ein-Man-Dienststelle. Er fährt mit seinem alten Dienstwagen Patrouille in einer Gegend wo „Häuser abklappern“ schon mal eine Fahrt von 300 km bedeutet, wo eine Schaffarm durchaus die Größe eines alten europäischen Fürstentums haben kann. Er beschäftigt sich mit häuslicher Gewalt, Trunkenheitsdelikten, einem erschossenen Zuchtbock, der 45.000 Dollar wert ist, verhaftet vielleicht auch mal jemanden wegen Diebstahl von Damenunterwäsche. Staubige Routine, keine großen Sachen, unterbrochen von Hassparolen am örtlichen Kulturzentrum, einem brennenden Koffer am Straßenrand in dem sich eine Leiche befindet, einem Flugzeug mit Einschlägen von Schüssen. Und einem vermissten Backpacker und seiner Freundin, der zuletzt bei einem starrsinnigen Farmer gejobbt hat.
„Outback Noir“, das ist der neue Roman „DESOLATION HILL“ von Garry Disher. Treffender als schon der Name „Desoltaion Hill“ kann man die Gegend kaum beschreiben, „ganz schön viel gar nix hier“, wäre vielleicht auch noch angebracht. Wieder einmal beweist Garry Disher seine Meisterschaft im Beschreiben von Stimmungen, von der „Balance zwischen dem Seltsamen und dem Gewöhnlichen“ (Karen Chrisholm – Austcrime). In einer vielschichtigen und keineswegs gradlinigen Handlung schildert er das heutige Australien, einem Land von „Wolle, Weizen und Staub“, das Wesen einer ländlichen Gemeinde, irgendwo im Nirgendwo, mit einem gradlinigen, rechtschaffenen und recht schaffenden Kleinstadtpolizisten. Ein Gesellschaftsroman als Krimi. Durchsetzt mit aktuellen Themen, Coronafolgen, Rassismus, Rechtsextremismus. Nicht umsonst wurden die Romane von Garry Disher schon mehrfach ausgezeichnet, wie z.B. dem Booker Prize, dem Deutschen Krimipreis.
Gustav Förster