Sandro, Ich-Erzähler und Hauptperson in Marco Missirolis neuem Roman ALLES HABEN, ist Spieler. Und Werbetexter. In seinem Beruf mangelt es ihm an Ideen, als Spieler an Glück. Deswegen auch an Geld. Schon beim Tod seiner Mutter vor einigen Jahren wollte er eigentlich mit dem spielen aufhören. Eigentlich. Nun kehrt er nach Rimini zurück, zum Geburtstag seines Vaters Nando. Der ist frühpensionierter Eisenbahner, todkrank, und abends oft mit seinem alten R5 unterwegs. Sandro schweigt über seine nach wie vor bestehende Spielsucht. Und auch über seine klammen Finanzen. Der Vater schweigt über seine nächtlichen Wege. Und über seinen Krebs. Beide misstrauen sich. Und lieben sich auch. Irgendwie. Und kontrollieren einander. Nando ahnt, dass Sandro immer noch spielt. Und Sandro folgt dem R5 seines Vaters und stellt so fest, sein Vater hat seine alte Leidenschaft wieder entdeckt. Er tanzt, so wie damals er und Sandros Mutter sich kennen lernten. Beide schämen sich. Sandro, weil er immer noch spielt. Und lügt. Nando über seine Altersgebrechen. Und über seine Krankheit. Erst als Sandro seinen Vater beim Sterben begleitet kommen sie sich etwas näher. Nach Nandos Tod erfährt Sandro von einer beträchtlichen Erbschaft, die auf ihn wartet. Aber die auch an Bedingungen geknüpft ist. Kann er jetzt endlich alles haben? Nach der Testamentseröffnung geht er zu einem letzten Spiel.
Nüchtern und distanziert, fast gefühllos, aber trotzdem berührend, oder gerade deswegen, erzählt der Autor diese Vater-Sohn Geschichte. Eine Geschichte über Entfremdung. Über Leidenschaft. Über vielsagendes Schweigen. Über sich selbst und andere belügen. Über offene und verdeckte Karten. Über Geheimnisse und Scham. Und späte Annäherung. Knapp erzählt. Eine beeindruckende Geschichte mit viel Nachklang.
Gustav Förster