0

Die Flugschau von Brescia

Kafka, d'Annunzio und die Männer die vom Himmel fielen

19,90 €
(inkl. MwSt.)

Nicht lieferbar

In den Warenkorb
Bibliografische Daten
ISBN/EAN: 9783552051997
Sprache: Deutsch
Umfang: 256 S., mit zahlreichen Abbildungen
Format (T/L/B): 2.5 x 21 x 13.5 cm
Einband: gebundenes Buch

Beschreibung

Unterhaltsam und farbig schildert Peter Demetz das abenteuerliche Spektakel um die Flugschau in Brescia, das gleichzeitig ein Stück Literaturgeschichte ist. An jenem denkwürdigen 11. September 1909 gingen die berühmtesten Piloten mit tollkühnen Fluggeräten an den Start - ein einzigartiges Ereignis, das phantastische Ingenieure, waghalsige Flieger, Visionäre und Künstler aus ganz Europa anzog, unter ihnen Franz Kafka, Gabriele d'Annunzio und Giacomo Puccini.

Autorenportrait

Peter Demetz, 1922 in Prag geboren, flüchtete 1948 in den Westen. Er promovierte sowohl in Prag als auch in Yale, wo er bis zu seiner Emeritierung deutsche und vergleichende Literaturwissenschaft lehrte. Bei Zsolnay erschienen Die Flugschau von Brescia (2002), Böhmen böhmisch (2006), die Erinnerungen Mein Prag (Neuauflage 2019) sowie Diktatoren im Kino (2019).

Leseprobe

Vor vielen Jahren, zu Herbstbeginn 1945, kehrten einige meiner ehemaligen Schulkollegen in den eleganten Uniformen des britischen Panzerkorps oder der Royal Air Force aus England nach Prag zurück und ließen mich unverzüglich wissen, daß meine Ansichten zur Literatur völlig wirklichkeitsfremd seien, da ich nicht einmal wisse, daß Franz Kafka, dessen Vater ein kleines Geschäft am Altstädter Ring besaß, der neue, wahre Titan der Weltliteratur sei. Ich kannte einige seiner Romane; meine Tante und ihr Mann hatten auf der Flucht von Berlin in das republikanische Spanien mehrere seiner Werke auf unseren Bücherregalen zurückgelassen. Mein Vater weigerte sich jedoch zu glauben, daß aus dem "talentierten Kafka Franzl", mit dem er oft an der Ecke der Celetná geplaudert hatte, plötzlich ein Dante oder ein Goethe geworden sei, und bestand darauf, daß mein Freund Ossi bloß übertreibe, um die gebildeten Mädchen im Café Slavia zu beeindrucken, als hätte dazu nicht schon seine britische Uniform ausgereicht. Damals studierte ich an der Karlsuniversität und streifte durch die Stadt, um herauszufinden, wo Kafka gewohnt hatte. Seine Familie übersiedelte regelmäßig jedes Jahr, doch immer innerhalb der jüdischen Altstadt; 1947 veröffentlichte ich einen schmalen Band mit dem Titel "Franz Kafka a Praha" (Franz Kafka und Prag), der Photographien, Dokumente und Essays verschiedener Wissenschaftler versammelte. Ihm sollte kein langes Leben beschieden sein, denn die kommunistische Regierung sah in Kafka einen "bourgeoisen Existenzialisten", der nicht den konstruktiven Willen der Arbeiterklasse verkörperte. Was auch immer die Arbeiterklasse empfunden haben mochte, mein Verleger mußte seinen Betrieb schließen, und nur wenige Menschen erfuhren, wie stolz ich über meine Entdeckung von Kafkas Artikel "Die Aeroplane in Brescia" in einer alten Ausgabe der Bohemia gewesen war. Mir schien es nicht unwichtig, Kafkas Leserschaft daran zu erinnern, daß auch der neue Titan der Weltliteratur mit einem bescheidenen Zeitungsartikel - gleichsam einer Frühstückslektüre - angefangen hatte. Der magische Name von Brescia prägte sich sonderbarerweise in mein Gedächtnis ein und blitzte wieder auf, als ich mich mit den italienischen Futuristen und ihrem avantgardistischen Interesse für die Anfänge der Luftfahrt befaßte. Ich mußte an Kafka und Italien denken - eine merkwürdige Kombination -, vor allem als ich entdeckte, daß auch Gabriele d'Annunzio, der seiner Lebensweise, nicht aber seinem Werk nach Futurist war, nach Brescia gekommen war, denn er wollte um jeden Preis fliegen, egal ob mit Blériot, Curtiss oder seinem italienischen Landsmann Calderara. Kafka und seine Freunde, die rechtzeitig eingetroffen waren, um d'Annunzio bei den Hangars zu erspähen, mußten schon wieder abreisen, als sich der große Dichter in die Luft erhob und vom italienischen Publikum laut akklamiert wurde. Ich war beeindruckt vom Mißverhältnis des Zufalls: Kafka mit seiner Zwei-Lire-Eintrittskarte für die den Zuschauern offene Wiese, d'Annunzio im Kreise der Berühmtheiten, und so fand ich mich eines Tages in der Bibliotheca Queriniana von Brescia, einem wunderbaren Palast aus der Spätrenaissance, wo ich Mikrofilme und alte Lokalzeitungen durchforschte. Ich wanderte auch auf den alten Landstraßen durch die flache Landschaft, in der einst die Flugschau stattgefunden hatte, auf halbem Wege zwischen Brescia und Montichiari, trank meinen Capuccino in der Trattoria Fascia d'Oro, einstmals ein kleines Hotel, wo die ersten Aviatiker abstiegen, als sie am Flugfeld eintrafen und die Hangars für ihre Flugmaschinen noch nicht fertig waren. Zufällig entdeckte ich das schlichte Monument zum Gedenken der Flugpioniere von 1909, das sich hinter einer kleinen Kapelle ve Leseprobe

Weitere Artikel vom Autor "Demetz, Peter"

Alle Artikel anzeigen