Wiesenstein

Ein Auto verlässt Dresden, wo gerade nach dem Alliierten Luftangriff die sächsische Barockmetropole im Feuer verglüht. Einem Feuer, das 12 Jahre zuvor mit einem Fackelzug in Berlin gelegt wurde und 6 Jahre später mit den dürren Worten „Seit 5 Uhr 45 wird jetzt zurückgeschossen“ losgebrochen war. Dabei hatte niemand vorher geschossen. Doch statt nach Westen, wie die entgegenkommenden Flüchtlinge, fährt das Auto nach Osten, der unaufhaltsam vorrückenden Roten Armee entgegen. Das Ziel der Reisenden liegt am Riesengebirge nahe Hirschberg, die Villa Wiesenstein im damaligen Agnetendorf.  Die Reisenden sind der schwerkranke, achtzigjährige Gerhart Hauptmann und seine Frau Margarete. Sie wollen nach einem Sanatoriumaufenthalt in Dresden nur eins, nach Hause, in sein luxuriöses Anwesen, vom Architekten nach seinen Ideen entworfen. Er, der deutsche Großdichter, von Thomas Mann, der ihm das „Haupt“ vor dem Mann neidete und ihn im „Zauberberg“ mit einer lächerlichen Rolle geärgert hat, als „Volkskönig“ anerkannt, durch Stücke wie „Die Weber“, „Bahnwärter Thiel“, „Die Ratten“ zu Ruhm, Reichtum und Nobelpreis gekommen, möchte dort umgeben von Luxus inmitten von Bediensteten, manchmal geblendet von seiner eigenen Größe, manchmal zweifelnd, immer die Form wahrend, bis zuletzt speiste man in Frack und Abendrobe, das Kriegsende und seinen Tod erwarten. In der unsicheren Sicherheit, dem weltweit anerkannten und hochgeachteten, von Hitler in die „gottlose“ Liste der Gottbegnadeten aufgenommen, gleichwohl aber auch von Stalin hochgeschätzten Dichter werde man schon nichts anhaben. Inmitten des Infernos des Untergangs des deutschen Schlesien, zwischen Mord, Plünderung, Vergewaltigung, Endsiegphantasien lebt er, versehen mit einem russischen Schutzbrief,  sein widersprüchliches Leben zu Ende, mit einem entlaufenen Wehrmachtsangehörigen als Masseur und Gesprächspartner und der wohl einzigen Zofe zwischen Berlin und Wladiwostok.

Nach dem Thomas-Mann-Roman „KÖNISGSALLEE“ hat Hans Pleschinski mit „WIESENSTEIN“ nun einen Roman über den zweiten großen deutschen Dichter des 20. Jahrhunderts geschrieben. Ein Roman über das letzte Lebensjahr Gerhart Hauptmanns, eine „widersprüchliche Gestalt genialer Größe“. Im Gegensatz zu vielen seiner Schriftstellerkollegen blieb er in Deutschland, arrangierte sich, im gleichen Irrtum verfangen wie viele andere Deutsche. „Ich sah drei Kaiser und ein gutes Dutzend Kanzler kommen und gehen“ legt der Autor ihm in den Mund „….warum sollte ausgerechnet dieser länger bleiben?......Ich war immer lau in öffentlichen Dingen“. Er empfängt Nazigrößen zum Dinner und schreibt mit „Finsternisse“ gleichzeitig ein Drama über jüdisches Leid, das die Gestapo nicht finden durfte, das die BBC nach dem Krieg als Hörspiel sendete. „Aber ich habe den Arm gehoben. Den Grußarm……und auf Hiddensee die Flagge gehisst“. Er dichtete, wo er ging und stand, nachts notierte er an der Schlafzimmerwand. Kurz nach dem Krieg starb er und wurde nach Hiddensee überführt und dort beerdigt, Wiesenstein steht noch, so wie auch sein Sommerhaus auf Hiddensee, und ist heute Museum.

Ein Roman mit viel Hintergrundwissen.  11.000 Seiten Nachlass hat der Autor gelesen, ist nach Wiesenstein gefahren. Ein gründlich recherchierter Roman über ein „dramatisches Dramatiker-Ehepaar“, über ein widersprüchliches Genius, über einen Teil der deutschen Geschichte, über das Kriegsende und den  Untergang Schlesiens. Geschichte als biografischer Roman. Die handelnden Personen sind größtenteils authentisch. Gespickt ist der Roman mit langen, manchmal sehr langen Zitaten aus Hauptmanns Werken. Großartig.

Gustav Förster

Pleschinski, Hans
Verlag C. H. BECK oHG
ISBN/EAN: 9783406700613
24,00 €
Kategorie:
Unterhaltung