Leinsee

Der Vater war also in den Baumarkt gefahren und hatte Teichfolie gekauft und ein orangefarbenes Abschleppseil. Das eine Ende hing noch am Deckenhaken. Das andere musste Vater noch um den Hals haben….“

Mit Zug und Taxe ist Karl von Berlin nach Leinsee gefahren statt sich um die Vorbereitung seiner eigenen Vernissage zu kümmern. Das hat Mara übernommen, seine Freundin und Lebensgefährtin. Mit dem Zug, weil er vom Vortag noch nicht ganz wieder nüchtern war. Im Zug hatte er weiter getrunken. Und sich ausgekotzt. Telefonisch hatte ihn in Berlin die Nachricht erreicht, sein Vater habe Selbstmord begangen nachdem er erfahren habe, seine Frau, Karls Mutter, sei unheilbar erkrankt. Ohne sie konnte, wollte?, der Vater nicht leben. August und Ada Steigenhauer, das Glamourpaar der deutschen Kunstszene, in deren symbiotischer Beziehung neben der Kunst kein Platz für ein Kind war, hatten vor vielen Jahren den 10-jährigen Karl unter anderem Namen in ein Internat abgeschoben. Er solle, so die ihre Begründung, ohne Belastung durch den Namen seiner Eltern unbeschwert aufwachsen. Seither war Karl nicht mehr nach Leinsee in die Villa seiner Eltern zurückgekehrt. Als Künstler hat er es in Berlin zu einigem Ansehen gebracht. Nun, fast 30-jährig, kehrt Karl nach Leinsee zurück, in die von der Presse belagerte Villa seiner Eltern. Eigentlich nur um die Beerdigung und den Nachlass seiner Eltern zu regeln. Hier begegnet er dem Assistenten seiner Eltern, von ihm äußerst skeptisch betrachtet. Hat er statt seiner die Stelle des Sohnes eingenommen?  Auf Grund des Aussehens nennt er ihn kurz Buddy Holly. Und Tanja. Einem achtjährigen Mädchen, das ihn aus dem Kirschbaum im Garten beobachtet. Durch ein Loch in der Hecke kommt und geht sie. Nach Belieben. Unbekümmert. Elfengleich. Wissbegierig. Anwesend und doch nicht da. Entgegen allen Prognosen überlebt seine Mutter. Karl kehrt nicht nach Berlin zurück obwohl Mara dies dringlich fordert. Er bleibt bei seiner Mutter, die ihn immer wieder mit August verwechselt. Und bei der Elfe im Kirschbaum, der er hin und wieder kleine Aufmerksamkeiten ins Bootshaus legt. Und Tanja antwortet drauf.  Über Monate und Jahre geht es so. Eine eigenartige Beziehung zwischen Tanja und Karl entsteht, erotisch knisternd, in der Tanja 10 Jahre lang das Heft in der Hand behält, konsequent das Geschehen bestimmt. Und Karl nach und nach ins Leben zurückholt. Er kehrt nach Berlin zurück. Aber nicht zu Maja. Hinter sich meint er Schritte zu vernehmen, wagt aber nicht, sich umzudrehen. „Eine vollständige Erklärung für das Heimfindevermögen der Brieftauben ist bis heute noch nicht gefunden………“

LEINSEE ist der Debütroman der Autorin. Überzeugend, vielschichtig, feinsinnig und klug komponiert. Meisterhaft schildert sie die zerstörte Liebe Karls zu seinen Eltern in deren Künstlerleben nur Platz für die Liebe für sich und für ihre Kunst war. Großartig auch die  knisternde Spannung zwischen dem mit sich und der Welt hadernden  Karl und der unbekümmerten kindlich klugen Tanja. Passiert das, was eigentlich unvermeidbar geschehen muss? LEINSEE ist ein Roman über Liebe und Verlust. Über Trauer, Hass und Zuversicht. Über Flucht und Ankommen. Über Kunst, auch mit Seitenhieben auf die Kunstszene. Manchmal auch sarkastisch. Immer leicht erzählt. Und schließlich auch eine ungewöhnliche Liebesgeschichte. „Wenn du etwas noch nie gemacht hast, kannst du ja gar nicht wissen, ob du es nicht wirklich kannst….“

Gustav Förster

Reinecke, Anne
Diogenes Verlag AG
ISBN/EAN: 9783257070149
24,00 € (inkl. MwSt.)
Kategorie:
Unterhaltung