Kühn hat Ärger

„Kühn hat Ärger“ ist der zweite Roman um den 45-jährigen Münchner Kommissar Martin Kühn. Nach einer zweimonatigen Burnout-Pause ist er in den Dienst zurückgekehrt und wird mit einem neuen Fall konfrontiert. An einer Tramhaltestelle in einem der schicksten Wohngebiet Münchens hat man frühmorgens die übel zugerichtete Leiche eines totgeprügelten jungen Mannes gefunden, gekleidet mit Edelklamotten, allein die Nike-Sneakers, so Kühns Kollege Steierer, wären teuer als Kühns Anzug. Aber irgendwie passt das nicht. Bei dem Toten handelt es sich nämlich um Amir Bilal, 17-jähriger Sohn von Einwanderern, bekannter Kleinkrimineller, Schulverweigerer, der allerdingg in der letzten Zeit eine erstaunliche Wandlung vollzogen hat, vom Saulus zum Paulus. Die Ermittlungen führen Kühn statt an den rechten pediga-ähnlichen Rand in einen der Münchner Edelstadtteile zu der Familie van Houten, wo man sich schon mal Gedanken darüber macht, ob ein nachempfundener japanischer Tempel im Garten die richtige Umgebung für die Kois sei, wo man selbstgemachte Limonaden auftischt, sich Gedanken über Bonsai-Parkett macht und achtsam lebt. Wo man lieber an einer faulen Auster verreckt als an einer verdorbenen Currywurst. Elfie van Houten, so reich, gutsituiert und so einflussreich dass „sich für sie das Meer teilt“ mit einem „Deal mit der Welt“, sucht ihre Selbstverwirklichung im Projekt „Sternenhimmel“, einer Initiative wohlmeinender Menschen aus besseren Kreisen, die sich um Integration kümmert. Für die war Amir, nachdem er sich bei einer Aktion krachend in Tochter Julia verliebt hatte, so richtig „scheiße krass, wie Amir fand“, und sie sich in ihn, der Beweis dafür, es kann gelingen. „Es kam ihm dämlich vor, mit den Jungs im Viertel rumzuhängen………Er hatte Julia erzählt, dass er mit Drogen dealte…..hatte ihr von Verhandlungen erzählt………Er hatte ihr gestanden, dass er andere geschlagen und getreten hatte. Wie normal Gewalt in seiner Umgebung war….Sie hörte sich alles an und nahm ihn in den Arm.“ Und nun lag Amir zu Tode geprügelt an der Tramhaltestelle.

Ist „Kühn hat Ärger“ nun ein Krimi? Ist es ein Gesellschaftsroman? Es ist ein Gesellschaftsroman mit Krimielementen. Oder doch umgekehrt? Vor allem aber ist es ein absolut gelungener und lesenswerter Roman. Mit dem „Alterspubertier“ Martin Kühn, ausgebrannt, unaufgeregt normal, hat Jan Weiler einen sympathisch normalen Ermittler geschaffen, der mit dem aktuellen Fall aus seinem Neubau-Vorort-Wohngebiet in ein total entgegengesetztes Milieu katapultiert wird wo er erstaunt feststellen muss „man kann reich und sympathisch sein“. Gleichzeitig schildert der Autor, manchmal sarkastisch, den tristen, chronisch unterfinanzierten Polizeialltag genauso wie den nicht unproblematischen Ehealltag im altlastverseuchten Neubaugebiet, die Angst Kühns vor der zwingend angeordneten ärztlichen Untersuchung, Verdächtigungen von Kollegen, sie wären auf seinen Job aus, kollegiale Anmachversuche bis hin zum Seitensprung während einer Weiterbildung. Alltäglichkeiten als Plot, meisterhaft geschildert und auf den Punkt gebracht. „Kühn hat Ärger“ ist damit auch ein hochaktueller Roman, der die verschiedenen Themen miteinander verwebt, immer verbunden mit unterschwelliger Gesellschaftskritik. Manchmal etwas überzeichnet, grell, aber treffend, und das kann und darf Literatur, bringt sie es damit doch auf den Punkt.

Gustav Förster

Weiler, Jan
Piper Verlag
ISBN/EAN: 9783492057578
20,00 €
Kategorie:
Unterhaltung