Alle, außer mir

Rom 2010, Berlusconi, Bunga-Bunga-Stehaufmännchen der italienischen Politik, empfängt gerade Gaddafi, den nordafrikanischen Diktator, küsst ihm die Hand. Gleichzeitig taucht bei Ilaria Profeti, 46 Jahre alt, linksliberale Moralistin und Lehrerin, überzeugte Berlusconi-Gegnerin, aber gleichzeitig mit Piero Casati, einem Mitglied der Forza Italia, sexuell verbandelt, ein dunkelhäutiger junger Mann auf, der behauptet, ein Enkel ihres Vaters zu sein. Sie wären also Verwandte. Er belegt dies mit einem Pass, laut dem er Shimeta letmgeta Attilaprofeti heißt, Enkel von Attilio Profeti. Ilarias Vater, so seine Geschichte, habe während des italienischen Kolonialkrieges in Abessinien, heute Äthiopien, eine Familie gehabt. Und er sei nun nach langer Flucht  hier bei seiner italienischen Familie angelangt.

Ilarias Vater, Attilio Profeti, 97 Jahre alt und leicht dement, zu alt selber Auskunft zu geben trauert er seiner Manneskraft nach, sein „Flammenwerfer“ ist erloschen. Er hat sich eigentlich immer als Widerstandskämpfer während der Mussolini-Diktatur ausgegeben, vielleicht auch in Laufe der Zeit selber angefangen, dran zu glauben. In Wirklichkeit aber, das findet Ilaria schnell heraus, als sie nach dem Besuch des unverhofften Neffen zu recherchieren beginnt, war er Opportunist, überzeugter Faschist und als Anthropologe tief verstrickt in die Rassenlehre der Schwarzhemden. Und ebenso tief verstrickt in das allgegenwärtige System der italienischen Korruption. Von der allerdings, auch das muss Ilaria feststellen, nicht nur ihre Familie immer gut gelebt hat, bis hin zu der Wohnung, in der sie heute lebt. Allerdings nur, das muss Attitio im Alter zu seinem Leidwesen eingestehen, nur als Mittelklassespieler, als Wasserträger der Familie Casati. Es reicht nicht einmal zur Anklage. Auch hielt ihn die faschistische Rassenlehre nicht davon ab, mit Abeba, einer abessinischen Frau, dort eine Familie zu gründen, von der in Italien niemand etwas wusste und die er auch nie anerkannt hat.

Und nun steht Shimeta letmgeta Attilaprofeti nach langem Weg durch Nordafrika, durch lybische Lager, übers Mittelmeer, vor Ilarias Tür und begehrt Einlass in seine italienische Familie und bringt damit die ganze Geschichte ans Tageslicht.

Geschickt benutzt die Autorin dies für ihren Roman durch die italienische Geschichte des 20. Jahrhunderts. Eine Geschichte weit entfernt von sonnenuntergangsdurchfluteter Venedig-Idylle. Es ist der Roman einer rassistischen, korrupten Gesellschaft und eines brutalen Kolonialkrieges, bis hin zum Einsatz von Senfgas, der bis heute in Flüchtlingswellen seine Nachwehen hat. Und der auch lange nach Kriegende mit den Mitteln von zweckgebundener „Entwicklungshilfe“, die mehr der heimischen Wirtschaft diente als den Empfängerländern, fortgeführt wurde.  Eine Geschichte, die Italien bis heute gerne verdrängt.

„ALLE, AUSSER MIR“ ist ein großer, nein, ein großartiger Roman, der weit über seinen Anspruch „Familienroman“ hinausgeht. Es ist ein politischer Gesellschaftsroman über blinde Flecken der Geschichtsschreibung am Beispiel einer  Mittelklassenfamilie. Auf mehreren Erzähl- und Zeitebenen, gut recherchiert und flüssig lesbar, aber immer auch hoch literarisch, beleuchtet er einen Teil der italienischen Geschichte. Und darüber hinaus am Beispiel Ilarias, die als linke Moralistin in einer korruptionsfinanzierten Wohnung eine geheime Beziehung zu einem Forza-Italia-Mitglied pflegt,  die ganze Widersprüchlichkeit der italienischen Gesellschaft, die doch eigentlich bei all ihrem Chaos auch ganz sympathisch ist.

Gustav Förster

Melandri, Francesca
Wagenbach, Klaus Verlag
ISBN/EAN: 9783803132963
26,00 €
Kategorie:
Unterhaltung