Unter den Menschen

„Ausgangspunkt eins: Man kann im Leben nicht glücklich werden. Glück ist daher kein erstrebenswertes Lebensziel. Streben nach Glück führt nur zu Enttäuschungen. Ich bin deshalb nicht gekommen, um glücklich zu werden. Ausgangspunkt zwei: Man braucht im Leben nicht immer nur unglücklich zu sein. Bleibendes Unglück muss niemand hinnehmen. Ich bin deshalb auch nicht gekommen, um unglücklich zu werden.“

„Unter den Menschen“ ist der Roman von Wil und Jan, genauer von Jan und Irene. Aber von vorne. Jan lebt in den Niederlanden im Polder am Meer hinter dem Deich. Durch einen tragischen Unfall hat er seine Eltern verloren. Sie hatten ihm den Hof übertragen und wollten, jetzt wo das Arbeitsleben hinter ihnen lag, mal reisen. Nach Österreich, in die Berge. Jan ist jetzt allein auf dem Hof, mit zwei Gefriertruhen voller Mahlzeiten, die Mutter ihm noch gekocht hatte. Hinter ihm Deich und Meer, vor  ihm, rechts und links das weite Land. Sein Land.  Einsamkeit.  Das nächste Haus ist fünf Kilometer entfernt,  landeinwärts. Vom  Sturm des Lebens aus den gewohnten Bahnen geworfen, hat er eine Kontaktanzeige aufgegeben „Bauernsohn sucht Frau. Wohnt allein. 80 ha“. Irene hat drauf geantwortet. Unter verschiedenen Namen. Aber nur Wil hat eine Antwort von Jan erhalten. Wil, eigentlich Irene, möchte nur eins, ans Meer. Weg von den Enttäuschungen die hinter ihr liegen, will durch einen klaren Bruch einen Neuanfang vollziehen, koste es was es wolle. Sie will es. Zwei Extreme treffen so aufeinander. Jan sucht Erhalt, Kontinuität. Wil sucht das Neue, will vergessen, hinter sich lassen, dabei aber die Kontrolle behalten. Er liebt das Land, sie das Meer. Sie geht bei jeder Gelegenheit auf den Deich, lässt sich in dem zur Landseite ausgerichteten Haus oben zur Seeseite ein Zimmer einbauen mit Fenstern, von denen sie über den Deich schauen kann. Können die beiden sich zusammenraufen? Kann Jan Irene akzeptieren, die er als Wil kennen gelernt hat? Kann Wil damit leben, dass sie doch einmal die Kontrolle verliert, und eben doch Irene ist?

„Ich war nur kurz auf dem Deich“, sagte Irene. Jan nickt. „Schön, dass du wieder da bist“.

Mit kargen Worten, so wie das Land, schildert der Autor auf 190 Seiten in seinem erstmalig 1997 in Holland erschienenen Buch die Geschichte von zwei Menschen auf der Suche.  Nach Erhalt. Nach Neubeginn. Zwei Akteure, wenig Bühnenbild. Ein Duett von zwei unterschiedlichen Instrumenten, ohne Noten, ohne Skript.  Wie sie trotz aller Unterschiede zusammenfinden, auf einem isolierten Hof in den Poldern, weit weg,  vom Meer nur durch den Deich geschützt, Wind und Wetter ausgeliefert. Dort wo man dem Schnack nach am Mittwoch schon sieht, wer Samstag zu Besuch kommt. Eine kleine, auf den ersten Blick karge, Geschichte mit viel Inhalt. Gekonnt inszeniert. Viel Stoff für Interpretationen. Und viel Stoff für Bühne und Film. Die Filmrechte sind bereits vergeben.

Gustav Förster

Deen, Mathijs
mareverlag GmbH & Co oHG
ISBN/EAN: 9783866482807
20,00 € (inkl. MwSt.)