Treue

Carlo und Margherita sind ein eigentlich absolut durchschnittliches Ehepaar in Mailand. Margherita, zum Wunschberuf Architektin hat es nicht gereicht, ist Immobilienmaklerin mit eigener kleinen Agentur. Carlo ist das personifizierte „noch nicht“. Als Schriftsteller hat er noch keinen eigenen Roman zustande gebracht und arbeitet in einer Prospektredaktion. Durch Vermittlung seines einflussreichen Vaters unterrichtet er stundenweise literarisches Schreiben an der Universität. Dort wird er eines Tages gesehen als er sich in der Damentoilette über Sofia beugt, eine seiner Studentinnen. Er habe ihr geholfen als ihr schlecht geworden sei erklärt er an der Universität wie auch Margherita. Eine Version, die von Sofia bestätigt wird. Trotzdem beschäftigt ihn, wie auch Margherita, dieser Vorfall immer weiter. Und das durchaus in verschiedenen Versionen. Auch noch als Sofia, ihrer eigenen Einschätzung nach literarisch absolut unbegabt, die Universität verlässt und ins elterliche Eisenwarengeschäft in Rimini zurückkehrt, womit der Kontakt zwischen ihr und Carlo beendet ist. Margherita hingegen gibt sich bei ihrem Physiotherapeuten Andres, schwuler Liebhaber von Hunde- und Boxkämpfen, ungehemmt erotischen und begehrlichen Phantasien hin. Und lebt sie auch aus. Carlos´ vermeintlicher Seitensprung, eigentlich nur ein großes Missverständnis, dient ihr dabei durchaus als willkommener Vorwand. Ihre Ehe bleibt trotzdem weiterhin harmonisch und sie bekommen ein Kind, Lorenzo. Carlos ist später arbeitslos, immer noch ein „noch nicht“, und Margherita hat ihre eigene Agentur aufgegeben und ist Angestellte. Doch eines Tages erhält Carlo ein Buchpaket aus Rimini.

Eine fast ganz normale Geschichte, die eigentlich immer und überall passieren kann, und die der Autor in seinem gelungenen, nahezu perfekt geschriebenen und auch übersetzten, Roman eindrucksvoll von verschiedenen Seiten betrachtet. Es ist ein Eheroman, lebensnah und sinnlich um Treue und Untreue, Misstrauen und Zweifel, sich selbst und dem Partner gegenüber. Sprachlich manchmal recht deutlich um erotische Phantasien und Sehnsüchte, um wirklich oder doch nur vermeintlich Geschehenes. Und um die Frage, was diese Sehnsüchte mit uns machen. Flüssig erzählt mit kaum merkbaren Szenenwechseln in einem Absatz zwischen wechselnden Perspektiven und den Gedanken der Akteure. Dabei lässt der Autor viel Platz für die Phantasien der Leser und Leserinnen, nicht nur über die von Carlo und Margherita sondern auch die eigenen. Eine auf diesem in Italien äußerst erfolgreichen Roman basierende Netflix-Serie soll noch in diesem Jahr starten.

Gustav Förster

Missiroli, Marco
Wagenbach, Klaus Verlag
ISBN/EAN: 9783803133304
23,00 € (inkl. MwSt.)