Stay away from Gretchen

Tom Monderath ist ein bekannter und beliebter Fernsehjournalist und nicht unbedingt ein Familienmensch. Sein eigentlich doch perfektes Leben wird aber von der zunehmenden Demenz seiner 84-jährigen Mutter gestört, die alleine lebt und die er regelmäßig besucht. Nach und nach beginnt sie, ihm dabei von früher zu erzählen. Von ihrer Kindheit in Ostpreußen, von der Flucht vor der vorrückenden russischen Armee im Winter 44 / 45. Diese Flucht führte sie zur Verwandtschaft in Heidelberg, die darüber aber gar nicht begeistert war. Dabei stößt Tom Monderath in Gretas Sachen zufällig auf das Foto von einem kleinen Mädchen mit dunkler Haut. Auf die Frage, was es denn mit diesem Foto auf sich habe, verstummt Greta und lenkt ab. Das weckt in Tom aber nur den Journalisten und er beginnt, sich mit der Vergangenheit seiner Mutter zu beschäftigen, die sich im amerikanisch besetzten Heidelberg der Nachkriegszeit auf dem Schwarzmarkt durchschlag und dabei Robert kennenlernt, einen farbigen US-Soldaten.

„Stay away from Gretchen“ ist ein Roman über ein vergessenes, eher vielleicht sogar verdrängtes Kapitel der Nachkriegsgeschichte. Der deutsch-amerikanischen Nachkriegsgeschichte, die sich allerdings in den anderen Besatzungsgebieten genauso abgespielt hat. Vielfach sogar. Es ist die Geschichte von Greta und Robert, dem farbigen US-Soldaten, den Greta auf dem Schwarzmarkt kennen gelernt hat. Es ist aber auch die Geschichte des Rassismus in der amerikanischen Armee und von farbigen Soldaten, die als Befreier vom rassistischen Nazi-Regime kamen und selber Mitglieder einer rassistischen Armee waren.  Die in den Krieg ziehen durften, denen nach dem Sieg aber der Zutritt zu amerikanischen Clubs verweigert wurde. Die eine Freiheit erkämpften, die ihnen selber nicht gewährt wurde. Es ist die Geschichte des Fraternisierungsverbotes, das in der eindeutigen Anweisung „Stay away from Gretchen“ seinen deutlichen Ausdruck fand. Ein Gebot, das aber noch nie und nirgends eingehalten werden konnte. Es ist aber auch die Geschichte von „Ami-Flittchen“ und „Black Babies“, den Kindern farbiger Besatzungssoldaten mit deutschen Frauen. Und davon, wie die US-Administration mit diesen Kindern umging.

Der Roman von Susanne Abel, ein absolut gelungenes Debüt, ist eine rückblickend eindringlich erzählte, emotionale und berührende aber auch bedrückende Reise in ein Kapitel der Nachkriegsgeschichte, die uns Leser flüssig und gut lesbar von der ersten bis zur letzten Seite mitnimmt. Und die dann doch ein berührendes Ende findet. Eine der Geschichten, die noch lange nicht auserzählt sind!

Gustav Förster

Abel, Susanne
dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG
ISBN/EAN: 9783423282598
20,00 € (inkl. MwSt.)