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Silverview

Silverview ist eine alte Villa in einem englischen Küstenörtchen. Hier lebt Edward, früher absolut effektiver Top Agent des englischen Geheimdienstes, mit seiner todkranken Frau, einer ehemaligen Topanalystin der Geheimdienste. In ihrem Auftrag überbringt deren Tochter einen Brief an den Chef des Inlandsgeheimdienstes, Steward Proctor. Der Brief warnt ihn vor einer undichten Stelle in seiner Behörde. In eben diesem Küstenörtchen übernimmt der literarisch völlig unbefangene Julian Lawndsley, der das Großstadtleben als erfolgreicher Banker in London hinter sich bringen möchte, eine Buchhandlung. Bei ihm taucht eines Abends ein Gentleman mit Regenschirm und Filzhut auf, Edward, der viel über seine Familie weiß, Julian in lange Gespräche verwickelt und ihn im Laufe seiner folgenden Besuche überredet, im Keller eine „literarische Republik“ einzurichten.

„Very British“, so könnte ich kurz und knapp den Roman „SILVERVIEW“ von John Le Carré beschreiben, der mit diesem Plot beginnt. Es ist der letzte nachgelassene und von seinem Sohn veröffentlichte Roman des vor einem Jahr gestorbenen Großmeisters des Spionageromans, der den ersten seiner insgesamt 26 Romane bereits 1961 veröffentlicht hat. Es ist ein leiser Abgesang auf die Geheimdienste, denen der Autor als junger Mann selber angehörte, und die er, könnte man wenigstens meinen, zum Schluss für weitgehend überflüssig hielt. Le Carrés Geheimdienste brauchten weder Softwaretrojaner oder Hacker oder Superagenten, seine Geheimdienstler sind leise und unaufdringlich und wahren immer den Anschein des Normalen, Unauffälligen. Und trotzdem, oder gerade deswegen erhalten sie Zugang zum Undenkbaren der Politik. Der Autor schildert das Ränkespiel der Geheimdienste mit ihrem doppelbödigen, undurchsichtigen Spiel und hinter Höflichkeiten versteckten Drohungen und Doppeldeutigkeiten mit hintergründigem Charme und typisch britischen Dialogen, gründlich und unaufgeregt, ohne aufgesetzte Action dafür aber gut recherchiert und immer am Puls der Zeit. Eine frühere Kollegin meinte mal nach einem seiner Romane, nun habe sie wenigstens etwas vom Kaukasus-Konflikt verstanden. „Silverview“ ist ein klassischer Spionageroman, wie ihn eigentlich nur John Le Carré konnte, der im Laufe des Brexits seine englische Staatsbürgerschaft aufgab und als Ire starb, für den die Nato ein Überbleibsel des Kalten Krieges war und England immer noch zahnlos von alter Größe träumt.

Gustav Förster

Roman
Einband: gebundenes Buch
EAN: 9783550202063
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