Schwarzes Klied mit Perlen

Shirley Kaszenbowski reist mit falschem Pass als Lola Montez ihrem Geliebten Coenraad auf der Welt hinterher, nachdem sie ihren zynischen Ehemann Zbigniew und ihre beiden Kinder zurückgelassen hat. Coenraad ist Geheimagent im Auftrag der Agency, sodass Shirley jedes Mal einen Geheimcode im National Geografic entschlüsseln muss, um ihren nächsten Treffpunkt zu erfahren. Ihr nächster Treffpunkt soll in Toronto, Kanada, sein. Zunächst streubt sie sich gegen die Rückkehr in die Stadt, in der sie aufgewachsen ist. Jedoch ist die Sehnsucht nach einem Wiedersehen größer, als das Unbehagen. Meistens erkennt sie Coenraad, wenn überhaupt, nur an seinem Blick und an seiner Körperhaltung oder Stimme. So vermutet sie auch einige Male ihren Geliebten getarnt als einen Obdachlosen, einen Kellner oder auch einem Verkäufer gefunden zu haben. Während sie versucht den neuen Treffpunkt aus einem Artikel über das Ulmensterben zu entschlüsseln, streift sie durch die Straßen. Die Wartezeit verbringt sie in Galerien, Kaufhäusern, und Restaurants und begenet dabei skurrilen Figuren. Sie nimmt Anteil an ihren Geschichten und Schicksalen und stößt in der ihr so bekannten Stadt selbst immer wieder auf Erinnerungen aus ihrer Vergangenheit.

Als stille Beobachterin nimmt sie uns mit durch die Straßen Torontos. Um sie herum pulsiert die Stadt, durch deren hektischen Straßen Menschströme den Rythmus des Alltags kennzeichnen. Shirley hat dabei ihr ganz eigenes Tempo. Mit offenem Herzen, Augen und Geist nimmt sie alle Eindrücke und alles Wissen in sich auf.

Trotz ihrer unaffälligen Erscheinung, wird sie häufig misstrauisch beeugt. Ihr schwarzes Kleid und die Perlenkette kennzeichnen ihr Erscheinungsbild. Vielleicht wird sie deswegen nicht ernst genommen, und auch, weil sie, eine Frau mittleren Alters, alleine ohne Mann in einer Zeit unterwegs ist, in der das ganz und gar unüblich war.

Gemeinsam mit der Protagonistin wartet man auf Coenraad. Ihre Sehnsucht, nach einer Wiedervereinigung wächst gleichermaßen mit der Ungeduld des Lesers, nach einer Aufklärung. Es ist kein Roman, der von Anfang an einen klaren Handlungsstrang erkennen lässt, eher gleicht er einem Herauszögern des Höhepunktes, um es dann doch ganz anders kommen zu lassen. Man sollte abwarten, einen zweiten Blick wagen, zwischen den Zeilen lesen und sich auf die Protagonistin einlassen. Dann kann man an der Entwicklung der Protagonistin teilnehmen.

„Schwarzes Kleid mit Perlen“ von Helen Weinzweig, erschien bereits 1981 das erste Mal. Die Autorin war damals 65 Jahre alt. Shirleys Geschichte spielt Ende der 60er, Anfang 70er Jahre. Auf den ersten Blick erscheint das Frauenbild dieses Romans veraltet, doch auf den zweiten Blick, wird einem bewusst, wie ungewöhnlich selbstbestimmt Shirley für diese Zeit handelt und denkt.

Alina Beckmann

Weinzweig, Helen
Wagenbach, Klaus Verlag
ISBN/EAN: 9783803133083
22,00 € (inkl. MwSt.)