Schäfchen im Trockenen

Sie kommt aus einem süddeutschen Kleinbürger-Milieu. Resi, die Ich-Erzählerin in Anke Stellings Roman SCHÄFCHEN IM TROCKENEN. Die Mutter angestellte Buchhändlerin, der Vater technischer Zeichner, beides schöne Berufe, aber nicht die einträglichsten. Seit dieser Zeit kennen sie sich auch.  Frank, mit dem sie schon auf der Grundschule war, Resi,  Fredericke, Christian und Vera. Außer Vera, die nach der Vierten zur Privatschule ging, gingen sie gemeinsam zum Gymnasium. Damals fiel es Resi noch nicht auf, dass ihr auf die Frage, welches Instrument sie denn spiele nur Blockflöte einfiel. Gemeinsam waren sie die „Intis“, die Intellektuellen. Dagegen gab es noch die „Stricklieseln“ und die „Keine Ahnung“. Gemeinsam machten sie auch das Abitur, hatten gute Vorsätze für das Leben,  das vor ihnen lag. Nun sind sie in Berlin, im Trendbezirk mit Baby- und Baugruppenboom. Die einen als Akademiker, Ulf hat jetzt ein Architekturbüro. Resi dagegen ist Schriftstellerin, verheiratet mit einem Künstler, vier Kinder, das scheint manchen schon fast asozial. Wie sie das nur schaffe, eigentlich könne man es doch gar nicht, klingt manchmal im Unterton an.  Sie ist auch nicht Teil der Baugruppe K 23, in der ausgiebig über das Wohnprojekt diskutiert wird. Über maßgeschneiderte Einbaumöbel, Küchendesign, Fußbodenbelege, Gartengestaltung. Das ist nicht ihre Preisklasse. Sie wohnt als Mieterin in einem Haus ohne Gemeinschaftsgarten. Es gehört Frank, trägt keinen Projektnamen. Ihr ist jetzt auch gekündigt worden nachdem sie so frei war, die Wohn- und Bauprojekte rund um sie und die damit verbundene Ausgrenzung per Quadratmeterpreis in einem Buch zu kritisieren. Nun ist sie eine Ausgestoßene, Verräterin, Nestbeschmutzerin. Diese Geschichte erzählt Resi in Gedanken ihrer 14-jährigen Tochter Bea. Trotzig und wütend, aber doch irgendwie still.

Ein Haus kann ich dir nicht bieten, nicht einmal eine Wohnung, aber ich kann dir was erzählen, dir alles sagen, was ich weiß. Es ist mir egal, ob du es hören willst oder nicht. Ich bin Resi, die Erzählerin, ich bin Schriftstellerin von Beruf. Pech für dich, warum suchst du dir so eine Mutter aus“. Und erzählen kann sie, die Autorin.  Zielsicher legt sie ihre Finger in Wunden ihrer Generation, die sich liberal gibt, auch dran glaubt, sicherlich „grün“ wählt, aber gemessen an ihren eigenen Ansprüchen vielleicht doch gescheitert ist. Sie haben sich in ihrer Welt eingerichtet, im teuren Trendbezirk ohne Arbeiter und Migranten. Westdeutsche Zuzügler im Osten der Stadt, Kleinbürger im ehemaligen Arbeiterbezirk, Erben der Anlagen der 68er-Elterngeneration. Schon diese wollte nicht so werden wie ihre Eltern waren. Und es doch geworden sind? Sie lügen sich in die eigene Tasche, nehmen Kritik übel, verstehen sie auch gar nicht. Sozialwohnungen? Na klar! Aber bitte nicht hier im Viertel, da passt es nun wirklich nicht.

Ein schöner, manchmal bitterer, manchmal melancholischer Roman über eine Enttäuschung. Kritisch, aber vielleicht doch die Aufforderung, sich zu besinnen. Ein schweres Thema, leicht, gut, stellenweise gar spannend zu lesen. Mit teils wundervollen Sätzen, die Resi ihrer Tochter Bea mit auf den Weg gibt. „Jeder hat ein hungriges Herz. Und je näher du dem Menschen stehst desto mehr rührt dessen Herz dein eigenes, und dann hungert dein Herz danach, den Hunger des anderen Herzens zu stillen….“ Dass der mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnete Roman in Berlin spielt tut nichts zur Sache, das Viertel ist auch anderswo.

Gustav Förster

Stelling, Anke
Verbrecher Verlag
ISBN/EAN: 9783957323385
22,00 € (inkl. MwSt.)