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Satirische Seitenhiebe

Michael Hartung  betreibt, 30 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer eine Videothek, in Zeiten von Netflix und Streamingdiensten ziemlich aus der Zeit gefallen und genauso erfolglos. Nur noch wenige Kunden verirren sich in seinen Laden. Die  Zeit verbringt er dort mit Filmen aus dem Sortiment und im benachbarten „Späti“ eines Kumpels. Vor der Wende war er Reichsbahner am Bahnhof Friedrichstrasse, dem Drehkreuz zwischen Ost und West, dort wo die Bahnsteige durch eine Wand getrennt waren. Eines Tages wird seine tägliche Langeweile durch einen Journalisten unterbrochen, der bei seinen Recherchen zum Jahrestag des Mauerfalls auf einen Vorfall in 1983 gestoßen ist, als eine Ostberliner S-Bahn versehentlich mit 127 Fahrgästen nach Westberlin gefahren war.  Eine Massenflucht durch ein Versehen, für das Michael Hartung verantwortlich war? Nachts hatte er bei Routinearbeiten an einer Weiche einen Bolzen abgebrochen und sich getrollt, ohne den Vorfall zu melden. Und prompt fuhr die erste S-Bahn am folgenden Morgen nach Westberlin. Die meisten der Fahrgäste waren zwar nach Ostberlin zurückgekehrt, aber trotzdem macht der Journalist daraus DIE Story der Wendezeit. Er bauscht auf, fügt hinzu, ändert, dichtet eine Wahrheit zurecht, die keine ist. Er macht aus Michael Hartung einen Helden und fügt sogar eine rührselige, selbstlose Liebesgeschichte hinzu. Die Story verselbstständigt sich bis hin zu einer Einladung des Bundespräsidenten und zur Feier des Mauerfalls bei der er eine Rede halten soll. Und natürlich auch zu einem journalistischen Preis für denjenigen, der diese Story aufgedeckt hat! Bis eines Tages Michael Hartung eine Frau kennenlernt, die in eben dieser S-Bahn gesessen hat.

Die Geschichte eines Helden wider Willen. Eine tolle deutsch-deutsche Satire mit treffenden Seitenhieben. Auf die ach so freie, Schlagzeilen suchende Presse, die Stories sucht und findet, manchmal auch erfindet, umdichtet, aufbläht. Und auch darüber, was dies mit den Betroffenen macht, wenn die Akteure der Geschichte zu Opfern ihrer eigenen Geschichte werden, nicht mehr selber handeln, die Kontrolle über ihre Geschichte(n) verlieren. Es ist aber auch eine Politsatire, hier in der BRD, aber auch in der ehemaligen DDR, wo niemand zu entscheiden wagte ohne sich gründlich abzusichern, auf Befehle wartete, die nicht kamen, weil auch die Vorgesetzten auf Befehle warteten. Alles ging seinen „sozialistischen Gang“, immer und überall. Eine lesenswerte Realsatire. Oder könnte so etwas nicht doch passiert sein? Oder jederzeit passieren? Irgendwo, irgendwann? Ein hintergründiges Lesevergnügen!

Gustav Förster

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