Paradise City

Ein Deutschland der Zukunft schildert Zoe Beck in ihrem dystopischen Roman PARADIS CITY. Der gestiegene Meeresspiegel hat weite Landesteile überschwemmt, Bremen hat eine Nordseeküste, große Teile der Bevölkerung sind während Pandemien gestorben, Berlin ist zu einer Geschichtskulisse geworden während die Regierung in die neue Megacity Frankfurt, die Bankenstadt, als Hauptstadt umgezogen ist. Die Menschen werden von Algorythmen nach Normen und Wirtschaftlichkeit betrachtet und  mit der Gesundheitsapp KOS rigoros überwacht. Wer nicht der Norm entspricht ist nicht wirtschaftlich, soll möglichst auch gar nicht erst geboren werden. KOS misst alles, den Hormonspiegel, die Blutwerte, weiß welche Tabletten wann genommen werden müssen, wie man sich ernährt. Und meldet alles einem medizinischen Zentrum. KOS weiß besser, was gut ist, als die Menschen es selber wissen. Reparaturen am Körper finden über Stammzellen statt. Das ganze Land smart überwacht sich selbst per Smartcase, jeder Versuch, die Daten zu löschen, zu verändern,  erweckt Verdacht. Unabhängiger Journalismus, die „Wahrheitspresse“, ist nur noch durch privates Sponsoring möglich, „wozu im Dreck wühlen, wenn es uns doch gut geht“, so die vorherrschende Meinung. Vor diesem Hintergrund wird die unabhängige Journalistin Liina für die Nachrichtenagentur Gallus undercover in die dünn besiedelte Uckermark  geschickt, dorthin wo in Parallelwelten außerhalb der Megacitys noch wenige Menschen leben, frei von Überwachung, ohne Selbstoptimierung, aber auch außerhalb der staatlichen „Fürsorge“ und Versorgung. Hier in der Uckermark gab es merkwürdige Todesfälle, eine Frau wurde angeblich sogar von Schakalen zerfleischt. Zurück in Frankfurt erfährt sie, ihr Freund Yassim läge nach einem Unfall im Koma, er sei vor einen einfahrenden Zug gestürzt. Vorliegende Videoaufnahmen erregen aber Verdacht, zeigen sie doch im Umfeld des Opfers mehrere Personen die durch Videoblocker unkenntlich gemacht wurden. Die folgenden Recherchen Liinas bringen weitere Ungereimtheiten zu Tage und nicht nur sie in Lebensgefahr.

Auf den ersten Blick könnte der Roman von Zoe Beck ein Schnellschuss zur Corona-Pandemie sein. Ist er aber nicht, 2018 bereits begonnen war er bei Beginn des Lockdown bereits im Lektorat des Verlages. Trotzdem ist er in der Gegenwart verwurzelt und nimmt Einiges vorweg was mit dem Lockdown fast Realität wurde, so dass die Autorin sich schon gefragt hat, worüber sie geschrieben habe. Und er wirft Fragen auf. Wieviel Daten geben wir preis, in „sozialen“ Netzwerken, in Fitnessapps, per Smartwatch? Die Autorin, Verlegerin, Übersetzerin und engagierte Bücherfrau Zoe Beck erzählt ihre Geschichte flüssig mit starken Frauenfiguren in den Hauptrollen. Sie lässt dabei aber auch Befürworter der Apps zu Wort kommen, machen diese doch das smart gesteuerte Leben bequem und angenehm, wenigstens so lange man mitspielt. Es ist ein moderner Roman, eine Zukunftsvision als Dysoptie. Aber kein schwarz zeichnender Endzeitroman. Sondern ein anspruchsvoller politischer Krimi mit kritischen Blicken auf technische und politische Entwicklungen der durch die augenblickliche Situation eine beklemmende Aktualität gewonnen hat.

Gustav Förster

Beck, Zoë
Suhrkamp
ISBN/EAN: 9783518470558
16,00 € (inkl. MwSt.)