Offene See

Jedes Jahr im Herbst wählen Buchhändler und Buchhändlerinnen im Rahmen der Woche der unabhängigen Buchhandlungen ihr Lieblingsbuch. In diesem Jahr fiel ihre Wahl auf den Roman OFFENE SEE von Benjamin Myers, erschienen im Dumont Verlag. Es ist eine Geschichte des Ich-Erzählers Robert Appleyard der sich als alter Mann, dessen Leben sich anfühlt es sei es nur noch von Hoffnungen und Erinnerungen zusammengehalten, erinnert an die Zeit als er jung und grün war. Und dessen Erinnerungen ihm erlauben, es wieder zu sein. Und der die Energie hat, es mitzuteilen.

1946, der Krieg für den er, gerade 16 Jahre alt, zu jung gewesen war, ist noch nicht lange vorbei und tobt auch noch weiter in den Menschen, die ihn mit nach Hause genommen hatten.  Er möchte noch nicht wie sein Vater, der wiederrum seinem Vater gefolgt war, in die Unausweichlichkeit des Arbeitslebens in einem nordenglischen Bergwerk folgen. Er hat Fernweh, liebt die Luft und die Einsamkeit, hat Hunger nach Abenteuer. Und so verlässt er, lediglich mit dem Allernotwendigsten im Rucksack, das Bergarbeiterdorf und zieht ohne Landkarte aufs Geratewohl los in Richtung Süden. Nach Wochen der Wanderschaft erblickt er von den Hügeln bei High Normanbay eine Nordseebucht. Auf dem Weg dorthin trifft er in einem verwilderten Garten auf ein Cottage und dessen Besitzerin Dulcie Piper, eine große kräftige Frau unbestimmten Alters,  und ihren deutschen Schäferhund. Ganz selbstverständlich,  als sei er ein Besucher, wird er zum Tee eingeladen, zum Brennesseltee, für den sie  ihn bittet, die Brennnesseln zu pflücken. Später lädt sie ihn zum Essen ein und danach auch dazu zu bleiben. Nachdem er wochenlang im Freien geschlafen hat nimmt er an und bleibt. Erst für eine Nacht, dann auch für länger. Er lernt bei der rätselhaften Lebenskünstlerin Dulcie ein ganz neues Leben kennen, fernab aller Konventionen, frei und selbstbestimmt.  Sie genießt einfach ihr Leben, lebt von Tag zu Tag, bringt Robert Genuss und Poesie bei. Seine Naivität trifft auf Lebenserfahrung einer starken Frau. Er macht sich dafür im Garten nützlich und findet dabei eine verfallene Hütte in der er ein Bündel altes Papier findet, ein Manuskript von Romy Landau, einer Dichterin, die vor langer Zeit als junger Star der Literatur, Shootingstar würde man heute sagen, ins Meer gegangen war.

OFFENE SEE, der Titel erklärt sich erst ganz am Ende der Geschichte,  ist ein detailreich geschriebener wundervoll poetischer Roman, kunstvoll erzählt mit intensiven  Natur- und Landschaftsbeschreibungen. Eine sensible Geschichte des Erwachsenwerdens eines jungen Mannes, der eigentlich nur den anscheinend selbstverständlichen Zwängen und Traditionen des Bergarbeiterdorfes entkommen möchte, erzählt von einem alten Schriftsteller, dem nichts geblieben ist als seine Erinnerungen. Ein toller kleiner Wohlfühl-Roman über die Kraft von Erinnerungen, übers Erwachsenwerden, aber auch über Lyrik und Poesie und eine unkonventionelle Frau. Ein Roman von etwas mehr als 200 Seiten, der die Auszeichnung als Lieblingsbuch der unabhängigen Buchhandlungen mehr als verdient hat.

Gustav Förster

Myers, Benjamin
DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG
ISBN/EAN: 9783832181192
20,00 € (inkl. MwSt.)