Max & Consorten

Am 8. Mai 1945 war der Krieg der Panzer, Bomben und Granaten…….beendet. Aber war deshalb Ruhe eingekehrt?“ Wohl nicht so ganz. Zwar war man schnell zur Tagesordnung zurückgekehrt, hatte sich eingerichtet, mit „schaffe, schaffe“ verdrängt, sich gegenseitig Persilscheine ausgestellt, wusste von Nichts, war Demokrat geworden, Schwamm drüber. So wie man 12 Jahre zuvor Nationalsozialist geworden war.  Doch unter der Oberfläche waren sie nach da, die alten Seilschaften, in der Justiz, der Polizei, der Wirtschaft, der Politik. Und mittendrin Überlebende des Grauens, Juden, die dem Holocaust wenn nicht entkommen waren, so ihn doch überlebt hatten, Sozialdemokraten, Gewerkschaftler, Kommunisten, Sinti, Roma. Zu ihnen gehört auch Babette Coehn, nach den Rassegesetzen der Nazis Halbjüdin aus dem ehemals gut situierten Bürgertum, eigentlich Hauptperson in Franz Wauschkuhns Roman. Im zerstörten Hamburg versucht sie sich in den Resten einer zerbombten Villa einzurichten, schlägt sich mit ihrer Familie durch, zu der auch der gerade zu Kriegsende geborenen Max gehört. Um sie herum der immer noch latent vorhandene und mehr oder weniger offen ausgetragene Antisemitismus, der sich nicht einmal scheut, Juden als Kriegsgewinnler zu schmähen. Das will sich Babette nicht weiter bieten lassen. Nach einer Föhr-Reise 6 Jahre später, auf der sie einen ihrer demokratisch geläuterten Verfolger wieder erkennt beginnt sie ihren eigenen Rachefeldzug gegen ihren ach so arischen Schwager dem sie ihr Vermögen anvertraut hatte, gegen das „veritable Adolf-Gedächtnis-Ensemble, in dem nur ein paar Verbrecher aus Theresienstadt, Treblinka und Auschwitz fehlen“. Und der erst Jahre später in der Nacht der großen Sturmflut 1962 endet. Max, der „Judenbengel“, dem die Freundschaft mit seiner großen Tanzstunden-Jugendliebe verwehrt wurde ist dabei der Dreh- und Angelpunkt der Handlung bis zu einem Tag, noch einmal 18 Jahre später in Amsterdam an dem er der gerade wieder gefundenen Anne, inzwischen 35 Jahre alt, beginnt das Unfassbare zu erzählen.

Jüdisches Leben im Nachkriegsdeutschland? Gab es das überhaupt nach all dem Grauen und Morden? Und ob! Davon erzählt der offensichtlich stark autobiografische Roman des 1945 geborenen Autors, von seiner Mutter allein im Hamburger Westen aufgezogen. Trotz des „schweren Rucksacks“ von Erinnerungen verbrachte er dort eine nach außen glückliche, unbeschwerte Kindheit, die er jetzt in seinem Roman, der von einem Rezensenten schon als „Schlüsselroman“ bezeichnet wurde mit allen Freiheiten eines Autoren erzählt. Ein Buch nicht nur für zeitgeschichtlich Interessierte, an dem der Autor 6 Jahre lang gearbeitet hat, sich abgearbeitet hat.

Gustav Förster

Wauschkuhn, Franz
Osburg Verlag GmbH
ISBN/EAN: 9783955101817
22,00 € (inkl. MwSt.)