Luzies Erbe

Das „Mazur`sche Schweigen hat eine Ende gefunden, Luzie Mazur ist gestorben. Viel Zeit gelassen hat sich die fast hundertjährige damit. Doch nun ist sie „doot bleeven“ und hinterlässt lediglich einen verstaubten Koffer voller Erinnerungen auf dem Schrank. Und Töchter, Thea und Helene, Enkel und Urenkel.  Und das Schweigen und Getuschel im Dorf, jahrzehntelang. Besonders ihre Enkelin Johanne, selbst schon in den Fünfzigern, lässt dies keine Ruhe, sie möchte wissen was sich dahinter verbirgt. Was geschah damals im Gaumusterdorf hier in unserer direkten Nachbarschaft  zwischen Luzie und Jurek, dem Zwangsarbeiter, „Fremdarbeiter“ genannt, mit dem „P“ auf der Jacke, nach Deutschland verschleppt weil die deutschen jungen Männer doch an der Front waren, erst in Polen, später dann in Russland. Und die dort starben, oder vermisst wurden. Jurek, dem seine Mutter, die Babka, mit auf den Weg gegeben hatte, er solle doch immer schön den Kopf einziehen, dann bliebe der auch dran. Und der sich dann in Luzie verliebte. Und sie sich in ihn, obwohl sie doch eigentlich verlobt war, mit Hinnerk. Nur, der war an der Front. Im Heu, im Pferdestall trafen sie sich, Jurek mit seinem „Lulchen“, liebten sich, heimlich gegen alle Verbote. In einer Zeit wo schon „schöne Augen machen“ ein Verbrechen war, zwischen überzeugten Nazis und Mitläufern, wo ein Leben auch schon mal leicht am Baum endete. So wie das von Stani.

„Ich bin verlobt, Jurek“, „Und ich bin ein Polack“, Man wird uns bestrafen“, „Ich pass auf uns auf, so gut ich kann“.

Jahrzehnte Mazur`sches Schweigen folgten „Die Mazurs haben Arbeit, Schluss aus, Basta“

Helga Bürster hat daraus einen Familienroman gemacht. Über das Schweigen, das lange ihre Familie überschattet hat. Ein bewegender Roman. Autobiografisch ohne Verbitterung.  Keine Abrechnung. Ein Roman, mit dem ihr der Spitzentitel im Herbstprogramm des Insel Verlages gelungen ist, einem Teil des Suhrkamp Verlages. Ein „Ritterschlag“, wie die Autorin empfindet. Die Idee zu diesem Buch hat sie, die Enkelin, lange mit sich herum getragen, ewig fast. Aber immer war ihr klar, irgendwann wird sie ihn schreiben. Viel und lange hat sie dafür  recherchiert, in Polen, In Museen,  in Feldpostbriefen. Wo ist Jurek geblieben, nachdem er beim zweiten Kind zum Standesbeamten gegangen ist? Sie hat versucht, den richtigen Ton zu treffen, „das Schwere leicht erzählt“ so möchte ich ihn beschreiben. Nur so lässt sich Geschichte manchmal ertragen. Als Geschichte. Oder als Märchen, wie Edgar Hilsenrath einmal sagte. Die besten Romane schreibt vielleicht doch das Leben. Helga Bürster wird ihren Roman „LUZES ERBE“ am 27. September auf einer Lesung im Alten Rathaus Ganderkesee vorstellen.

Gustav Förster

Bürster, Helga
Insel Verlag
ISBN/EAN: 9783458178149
22,00 € (inkl. MwSt.)