Die Lieferantin

„Die nehmen uns die Straße weg. Ohne zu fragen. Ohne sich auch nur blicken zu lassen. Ohne zu wissen, wie es auf der Straße läuft. Einfach so.“

Die Boyce-Familie, namhafter Teil der etablierten Londoner Unterwelt, ist verunsichert. Jemand pfuscht ihr ins Drogengeschäft, in dem man sich so schön eingerichtet hat. Nicht irgendjemand, es ist die „Lieferantin“ Ellie Johnson, TheSupplier, wie sie sich selber nennt, hochintelligente Selfmade-Frau, Gründerin des Start-ups EJTech. Sie hat im Darknet, dem verborgenen Teil des Internets via App einen genialen Drogenvertrieb aufgebaut. Mit Hightech-Drohnen, eigentlich fürs Militär entwickelt, hat sie ein völlig neues Geschäfts- und Vertriebsmodell weitab vom traditionellen Straßenverkauf geschaffen, mit dem sie 100%-saubere Drogen an die Empfänger liefert. Ein Modell, gegen das das überkommene Modell der Dealer und ihrer Hintermänner fast antiquiert, aus der Zeit gefallen erscheint. Ihr erklärtes Ziel ist es, Drogenabhängige nicht den kriminellen Clans mit ihren gestreckten, gepanschten Drogen und den damit verbundenen Risiken zu überlassen. Ihren Gewinn spendet sie der Drogenhilfe. Damit stellt sie den traditionellen Drogenhandel absolut in Frage. „Früher waren die Dinge irgendwie einfacher“, so das Fazit des Boyce-Bosses, der sich, verliebt in die Attribute des Landadels, aus bitterarmer Arbeiterklasse „hochgearbeitet“ und kleinbürgerlich spießig eingerichtet hat. Gleichzeitig tobt in England nach dem Brexit die politische Auseinandersetzung um den Druxit, die absolute Verschärfung der Drogengesetze, ganz im Sinne der Bosse, fördert die Illegalität doch ihr überkommendes Geschäftsmodell mit seinen enormen Gewinnen. Und gar nicht im Sinne von Ellie, die ihren Bruder durch illegale Drogen verloren hat und die Anti-Druxit-Kampagne konsequent unterstützt. Doch nun gerät Ellies Geschäft in Bedrängnis. Ein in die Enge getriebener  Restaurantbesitzer bringt einen Schutzgeldeintreiber des Boyce-Clans um. Ein toter Drogenhändler treibt in der Themse. Und damit kommt eine Lawine ins Rollen, eine scheinbar unaufhaltsame Kettenreaktion beginnt, die auch Ellie betrifft.

Ein  Zukunftsszenario? Ein Drogenthriller? Ein Gesellschaftsroman? Ein Politdrama? Von allem ein wenig. Und doch auch viel mehr. Ein flüssig geschriebener  innovativer Thriller, spannend, detailreich, intelligent und jenseits gängiger Krimi-Klischees.  Und mit vielen politischen Bezügen. Nach dem Brexit ist vor dem Druxit. Legalisierungsbefürworter befinden sich, auch auf der Straße, im Kampf gegen den anstehenden Volksentscheid und gegen die „Rotweißblauen“, die Unterstützer des Druxit. Interessant, aber auch erschreckend ist das „Neue Geschäftsmodell“ von Ellie Johnson, das die Drogenszene ordentlich durcheinander wirbelt und das von der Boyce-Familie, ganz im alten Drogenhandel auf der Straße verfangen, in seiner Tragweite nur der Außenseiter Declan begreift, dem es gelingt, eine der Drohnen zu bekommen und mit einem von Ellie geschassten Entwickler Kontakt auf zu nehmen.  Ein eigentlich im Ansatz gut gemeintes Modell zur Belieferung der Abhängigen mit sauberen Drogen unabhängig von den Kartellen schlägt in sein Gegenteil um. Aus dem Guten entsteht das Böse - Dialektik der Geschichte. Offensichtlich gut recherchierte technische Details der Drohnentechnologie runden diesen nicht reißerisch daher kommenden aktuellen Roman mit verschiedenen Erzählsträngen ab. Zoe Beck, hoch gelobte und anerkannte deutsche Autorin, hat mit ihren Romanen einen bemerkenswerten Weg vom Bastei über  Heyne zu Suhrkamp hinter sich. Zu Recht.

Gustav Förster

Beck, Zoë
Suhrkamp
ISBN/EAN: 9783518467756
14,95 €
Kategorie:
Krimi