Kalmann

Raufarhövn ist ein kleiner Ort fast am nördlichsten Punkt Islands. Wer Einsamkeit und Nordlicht sucht ist hier richtig. Bekannt ist Raufarhövn eigentlich nur durch den Arctic Henge, einem Freiluftkunstwerk. Ansonsten ist hier nichts los. Irgendwann ist der Hering weggeblieben und die Landflucht setzte ein, früher ein geschäftiger Ort leben hier inzwischen nur noch 160 Menschen, die vielleicht nur noch drauf warten, dass jemand das Licht ausmacht. Einer davon ist Kalmann. 33 Jahre alt, Jäger und Haifischfänger. Aus den gefangenen Haien mach macht er den besten Gammelhai, eine isländische Spezialität, die zu probieren einígen Mut erfordert. So hat er es von seinem Großvater gelernt, der inzwischen dement in einem Heim lebt und den Kalmann sehr vermisst. Sein Leben verläuft absolut geregelt, sein einziger Freund Noi ist eine reine Internetbekanntschaft. Ansonsten ist Kalmann selbsterklärter Sheriff des Ortes. Mit Sheriffstern, Cowboyhut und einer Pistole, eine alte Mauser, von der alle, ohne es allerdings genau zu wissen, annehmen sie funktioniere nicht mehr. Mit diesen Hinterlassenschaften seines in Amerika lebenden Vaters geht er ernst zu zuverlässig seiner selbstgestellten Aufgabe nach. Für die Bewohner Raufarhövns gibt es daher auch keinen Grund zur Besorgnis, Kalmann wacht. Bei einem seiner Streifzüge findet er eines Tages eine Blutlache. Er erzählt dies der Lehrerin des Ortes. Schnell macht die Nachricht von seinem Fund die Runde. Und da der Hotelbesitzer, der reichste Mann im Ort, verschwunden ist,  wird auch schnell ein Zusammenhang vermutet. Die Polizei taucht auf, Journalisten kommen und einige Mitarbeiter des Hotels scheinen zur litauischen Mafia zu gehören. Und mittendrin Kalman. In der größten Rolle seines Lebens weiß er schnell, oder gibt es wenigstens vor, ein Eisbär, der von Grönland rüber geschwommen wäre, sei es gewesen.

Kalmann ist ein ganz besonderer Roman eines ganz besonderen Menschen. Fast scheint es, die Geschichte mit um den verschwundenen Hotelbesitzer und die Blutlache ist nur der Vorwand um Kalmann erzählen zu lassen. Um uns Leser in seine Welt eintauchen zu lassen, in die Welt eines Sonderlings, weltfremd, naiv, autistisch. In seinem Leben ging es noch nie richtig vorwärts, manchmal glaubt er auch, die Räder in seinem Kopf liefen rückwärts. Beim Lesen vermutete ich manchmal auch Trisomie 21. Ins Dorfleben voll integriert geht er seinen Sonderweg,  spielt seine anerkannte Rolle in der Gemeinschaft, als Jäger, als Fachmann für Gammelhai, als selbsterklärter Sheriff. Manche Rezensenten fühlten sich von ihm an Forrest Gump erinnert. Dem Autoren gelingt es dabei fantastisch, die Gedankenwelt dieses sympathischen Sonderlings in Worte zu fassen, seine Sprache, sein Denken nachzuempfinden. Gleichzeitig entführt er uns Leser in die Welt des nördlichen Islands und seiner Landschaft kurz unterhalb des Polarkreises am Grönlandstrom. Eine ganz große Leseempfehlung für diesen Roman über einen ganz besonderen Menschen. Schon jetzt eins der Lieblingsbücher des Herbstes. Lesen sie ihn, tauchen sie ein in Kalmanns Welt, er wird bleibende Eindrücke hinterlassen.

Gustav Förster

Schmidt, Joachim B
Diogenes Verlag AG
ISBN/EAN: 9783257071382
22,00 € (inkl. MwSt.)