Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid

„Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“ so heißt der gerade bei DTV erschienene Roman von Alena Schröder, den ich hiermit zur Lektüre empfehlen möchte. Es ist ein Familienroman über vier Generationen deutsche Geschichte, über Mütter und Töchter, Pflichtbewusstsein und die Suche nach Leben. Über Erinnerungen und Verdrängung. Über Wege und Irrwege. Über jüdisches Leben in Nazideutschland, Flucht und Vertreibung. Gut lesbar und mit durchaus vorhandenen Krimielementen spannend bis zum Ende. Nicht umsonst ist dieser Roman, dessen Titel an Bilder des Holländischen Malers Jan Vermeer erinnert,  das Buch des Monats im Februar bei NDR.de/Kultur.

Zum Inhalt. Die Hauptperson Hannah ist Doktorandin ohne genaue Ziele. Regelmäßig besucht sie Ihre 95-jährige Großmutter Evelyn im Heim, wo diese missmutig und des Lebens überdrüssig vorrangig damit beschäftigt ist auf das Sterben zu warten. Bei einem dieser Besuche, die eigentlich deprimierendes Ritual sind, stößt Hannah zufällig in einer Fernsehzeitung auf einen Brief aus Israel in dem eine Kanzlei ihrer Großmutter  Hilfe in einem Restitutionsverfahren jüdischen Eigentums anbietet. Auf Fragen dazu reagiert Evelyn abweisend und desinteressiert an dem „alten Kram“, mit dem sie nichts zu tun haben will. Hannah, die nichts von jüdischer Verwandtschaft weiß, wendet sich an ihren Doktorvater. Der verweist sie an einen Kommilitonen, der sich Nazi-fixiert in dieser Frage besser auskennt. Mit ihm begibt sich Hannah auf die Spur ihrer Familie und stößt dabei schnell auf Senta, ihre Urgroßmutter, die leibliche Mutter Evelyns, die als junge Frau Rostock, Ehemann und Kind verließ,  um im Berlin,  dem Babylon Berlin der Weimarer Republik, mit ihrer Freundin Lotte das Leben zu suchen und zu genießen. Evelyn wird daher von ihrer Tante Trude, die sich später zur strammen Nazi-Mitläuferin entwickelt, an Mutters statt aufgezogen. In Berlin lernt Senta Julius, den Sohn des jüdischen Kunsthändlers Goldmann kennen und heiratet ihn in zweiter Ehe. Als die Repressionen in Nazideutschland immer mehr zunehmen wenden sich immer mehr Kunden und Freunde von dem alten Kunsthändler ab und als er schließlich endgültig enteignet wird, schreibt Senta ihm die letzte von den Nazis geforderte Inventurliste Anschließend verlässt Senta Deutschland, um in Dänemark ihren Mann zu treffen, der schon früher emigriert ist. Vorher vertraut der alte Goldmann ihr noch ein besonders wertvolles Bild an, das er vor dem Zugriff der Schergen der Reichskammer gerettet hat. Eingenäht in einen Koffer übergibt Senta dieses Bild Trude, der Pflegemutter ihrer Tochter Evelyn. Seither ist dieses wertvolle Bild, 1950 von Senta aus dem Kopf beschrieben als „Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“ verschollen.

Gustav Förster

Schröder, Alena
dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG
ISBN/EAN: 9783423282734
22,00 € (inkl. MwSt.)