The Girls

Nach Jahrzehnten blickt Evie Boyd zurück, reflektiert das, was sie als 14-jährige erlebt hat. 1969 ist sie ein absolut durchschnittliches Mädchen der amerikanischen Mittelschicht. Zusammen mit ihrer Freundin Connie macht sie ihre ersten Schminkversuche, zupft hin und wieder schon mal den Ausschnitt etwas tiefer. Ihre Eltern haben sich getrennt und sind mit sich selbst beschäftigt. Der Vater hat eine junge Freundin. Die Mutter ist auf Esoteriktripp. Im Herbst soll Evie aufs Internat nach Monterey, in den „Aufbewahrungsort“ wo schon ihre Mutter war, Uniform, flache Absätze, kein Make-Up. Sie sehnt sich nach Anerkennung, möchte endlich mal bemerkt werden, möchte, dass die Menschen an die sie denkt, auch an sie denken,  möchte geliebt werden. Sie sucht einen Weg aus ihrer Einsamkeit, aus der verlogenen Gesellschaft ihrer Eltern. Im Park stößt sie zufällig auf eine Gruppe junger ungepflegter Frauen, die ganz anders sind als die Menschen, die sie bisher kennt. Aussteiger. Besonders die schwarzhaarige Suzanne fasziniert Evie, übt einen unwiderstehlichen Reiz auf sie aus. Die Faszination, den Reiz des Andersseins, sie konnte ihn nicht erklären , diesen Stich, den ihr Anblick Evie versetzte. Die Frauen leben in einer Kommune auf einer Farm gescharrt ihren Guru, den suggestiven Russell, der sie manipuliert, sich ihrer bedient. Dort, wo als dass geschieht, wovor die Generation der Eltern immer gewarnt hat. Evie fühlt sich zu dieser Kommune, mehr Frauen als Männern, Kinder in völliger Freiheit, hingezogen. Drogen, freie Sexualität. Nach und nach schließt sie sich immer enger an diese Gruppe an, wird von Russell sexuell initiiert, geht für die Kommune stehlen. Unmerklich aber unaufhaltsam treibt die Entwicklung auf ihren Höhepunkt zu, eine Mordorgie, an der Evie nur zufällig nicht beteiligt ist. Sie bekommt die Geschehnisse nur im Fernsehen mit.

"The Girls" ist der Debütroman einer jungen amerikanische Autorin, den sie mit 25 Jahren geschrieben hat. Ein Roman über die Zeit der 70er-Jahre als sich im erweckungslehren-geschwängerten Kalifornien die Mordorgie der Manson-Familie ereignete. Es ist der Roman über eine Verführung, die Macht und den Reiz der Verführung. Aus den Blumenkindern des Anfangs sind längst Sektenmitglieder geworden, die an den Lippen des jeweiligen Gurus hängen. Sex, Drugs and Rock `n Roll. Gleichwohl ist nicht Russell die zentrale Figur der Geschehnisse, sondern es ist Suzanne, die den unwiderstehlichen Reiz des Andersseins auf Evie ausübt, sie unaufhaltsam in die Kommune hineinzieht. Und auf den Weg ins Massaker. Dabei vermeidet Emma Cline geschickt jeden Versuch einer Erklärung. Und das ist auch gut so. Sie läßt Eviedie Geschichte rückblickend erzählen, gekonnt differenziert und distanziert. Ein tolles Debüt. Bemerkenswert stark schildert der Roman die Faszination, die das Anderssein auf die Kunder jener Zeit ausgeübt hat. Parallelen in der Gegenwart sind denkbar wenn man bedenkt, wie es gerade heute wieder Predigern jeder Couleur gelingt, Menschen in  ihren Bann zu ziehen, zu verführen. Einfach ein starkes Buch.

Gustav Förster

Cline, Emma
Carl Hanser Verlag GmbH & Co.KG
ISBN/EAN: 9783446252684
22,00 €
Kategorie:
Junge Erwachsene