Ich bleibe hier

Graun, ein Dorf in Südtirol, im Dreiländereck Italien, Schweiz, Österreich. Seit 1918 gehört Südtirol zu Italien, wurde zu Alto Aldige. Doch bis 1922 war Italienisch dort eine exotische Fremdsprache. Dann aber kam Mussolini und mit ihm die Faschisten. Und die Zwangsitalienisierung. Häuser wurden angezündet, Bewohner verprügelt, Bürgermeister vertrieben, Straßen, Bäche, Berge umgetauft. Sogar die Namen auf den Grabsteinen wurden italienisiert. Deutsch wurde verboten und Mussolini hatte immer Recht. Trotzdem wurde Deutsch weiter unterrichtet, in Katakomben. Wer dabei erwischt wurde kam in die süditalienische Verbannung. 1939 wurden die Menschen dann vor die Entscheidung gestellt, „Heim ins Reich“ nach Deutschland oder bleiben und Italiener werden  mit allen Konsequenzen. Manche gehen, andere bleiben, widerstehen allen Versuchungen wegzuziehen, denn wenn sie weggehen, dann haben die anderen gewonnen. Später wurde ihnen diese Entscheidung  abgenommen. Sie wurden Deutsche, ob sie wollten oder nicht. Sie leisten Widerstand, gehen in die Berge. Überleben. Nach dem Krieg sind sie wieder Italiener. Und 1950 wurde dann gegen den Widerstand der Dörfler der seit 1911 geplante, immer wieder verzögerte, verschobene aber immer im Hintergrund existente Staudamm gebaut. Und wieder die Entscheidung: bleiben oder gehen?  Graun und andere Dörfer verschwinden in den Fluten, im Wassergrab, nur der Kirchturm ragt noch aus dem Wasser. Ein von Touristen bestauntes beliebtes Fotomotiv, heute Selfie-Objekt, auf einem Steg kann man vor ihm posieren. Der Fortschritt war mehr wert als eine Handvoll Häuser. Nur, der Strom der dort erzeugt werden sollte,  wird heute billiger von französischen Atomkraftwerken bezogen.

Diese Geschichte lässt der Autor  Trina, Lehrerin und stille Heldin des Romans, die in Graun geblieben ist, in einem imaginären Brief ihrer verschwundenen Tochter erzählen. Eine Geschichte über ein umstrittenes, schmerzliches Kapitel italienischer, und damit auch europäischer Geschichte.  Weltgeschichte im Kleinen. Ein Heimatroman ganz ohne romantisierende Verklärung. Ein nüchtern geschriebenes Buch, das eine Urlaubsregion mal ganz anders erzählt, den Besuchern vielleicht einen anderen Blick eröffnet. Ein Roman der Geschichte erlebbar macht, erzählt er doch Geschichte als Geschichte, als Schicksal eindringlich erlebbar.

Ein Roman über Sprache und Identität, über Kampf, Verlust und Beharrung, gut recherchiert und zu Recht ein Bestseller.

Gustav Förster

Balzano, Marco
Diogenes Verlag AG
ISBN/EAN: 9783257071214
22,00 € (inkl. MwSt.)