Hexenlied

„La bruja“, die Hexe, so heißt das Theaterstück, das die Theatergruppe im letzten Jahr vor dem Abi einübt.  Ein geheimnisvolles Stück aus Mexiko. Tim, ein fast ganz normaler Junge spielt in diesem Stück zum ersten Mal in seinem Leben eine Hauptrolle, den Arzt aus der Stadt, Thomas Sanches. Seit einem Unfall seiner jüngeren Schwester fühlt er sich dafür verantwortlich, dass sie ein Bein verloren hat. Als Folge davon hört er zu viel und zu laut, trägt immer Watte in den Ohren, zieht sich manchmal in einen mit Eierpappen ausgekleideten Raum zurück. Eine weitere Hauptrolle spielt Lilith, ein dünnes,  knochiges Mädchen in dunklen Jeans und viel zu großem Pullover. Lilith mit Augen, die magisch sein können, ist Außenseiterin mit Top-Noten in fast allen Fächern. Aber ihren Mitschülern ist sie fremd. Man spricht über sie, nicht mit ihr. Im Gegensatz zu Tim versucht sie nicht sich anzupassen, will sich nicht verbiegen lassen, entzieht sich dem „Allgemeinen“, ist die stolze Außenseiterin. Sie spielt in dem Stück die Hexe, la bruja. Im Laufe der Proben wird sie immer mehr zu ihrer Rolle, ist für die Mitschüler auch außerhalb des Stückes nicht mehr Lilith sondern „la bruja“. Gleichzeitig wird sie für Tim immer interessanter, doch er kann sich, mag sich nicht so recht entscheiden, schwankt zwischen ihr und der Gruppe. Nach und nach entstehen Gerüchte und geraten in Umlauf. Wer ist sie wirklich? Wieso kennt sie den weiteren Verlauf des Stückes, den die Anderen nicht kennen? Stimmt es, dass sie Tiere opfert? Das sie andere manipulieren kann? Auf einem Theatercamp fernab in den Bergen eskaliert die Situation als Schüler verwinden. Schnell ist für einige Teilnehmer klar wer daran schuld ist. Die Hexe. Sie soll brennen. Wie in dem Stück.

„Gerüchte sind wie Quecksilbertropfen. Wenn sie den Boden berühren, teilen sie sich, rollen und fließen in Lücken und Spalten, vermehren sich, winzig, beinahe unsichtbar…..giftig“, Originalzitat, Seite 36.

Schon seit dem ersten Buch, das ich von Antonia Michaelis gelesen habe, weiß ich, sie kann schreiben. Und wie! Und das sie in ihren Büchern immer wieder gesellschaftliche Themen aufgreift, die sie ohne moralisierenden, belehrenden Zeigefinger in Romanhandlungen packt, die aus sich selber sprechen. So auch im „Hexenlied“, einem  Highlight aus den Herbstprogrammen der Verlage. Ein 400-Seiten-Roman, der sich in kein Genre einzwängen lässt. Eine Vermischung von Realität und Fiktion. Die Handlung verschwimmt.  Wann ist es Theater, wann Realität? So wie für die Schüler verschwimmt es auch für uns Leser. Nichts ist wie es scheint. Ein tiefgründiges Buch, manchmal geheimnisvoll, manchmal unheimlich, manchmal düster, manchmal esoterisch, bedrohlich, ein Psychothriller, Mystery-Roman, Fantasy Roman, ungewöhnlich, spannend. Ein gelungener Mix verschiedener Genres. Ein Roman darüber, wie ein Gerücht eine Eigendynamik entwickelt, einmal geäußert, nicht mehr aus der Welt verschwindet.  Alles wird hineingedeutet, was nicht passt wird übersehen oder passend gemacht. Und darüber, wie man Grenzen überwindet, lernt Tim schließlich doch seine Unsicherheit zu überwinden und zu Lilith zu stehen als es eigentlich schon zu spät zu sein scheint. „Der Feind, den er besiegt hatte um hierherzukommen, war beinahe unüberwindlicher: er selbst“, (Originalzitat).

Gustav Förster

Michaelis, Antonia
Verlag Friedrich Oetinger GmbH
ISBN/EAN: 9783789110528
20,00 € (inkl. MwSt.)