Heute beissen die Fische nicht

Ein Sommer auf einer Insel in den finnischen Schären. Emma verbringt dort mit ihrem Ehemann Joel und ihrer Tochter Fanny eine Auszeit im Haus des Großvaters. Sie möchte sich dort von den Strapazen ihrer Reisen als Fotoreporterin in die Krisengebiete der Welt erholen. Wären da nur nicht immer diese Schmerzen und Bilder in ihrem Kopf. Die Narbe. Die Erinnerungslücken. Und die Halluzinationen, die sie von ihrer letzten Reise mit zurückgebracht hat. Treiben da nicht Boote im Nebel? Sitzt dort nicht eine dunkelhäutige Frau auf einem Stein? Oder in der Sauna neben ihr? Bilder, die nur Emma sieht, die aber die Idylle empfindlich stören. Sie habe eine kosmische Antenne im Kopf für Informationen aus dem Jenseits, sagt sie, Sie ist Gefangene ihrer Erinnerungen, die sie immer weiter von sich und ihrer Familie entfremden und die schon zu Gerede im Dorf führen, Ruderer versuchen einen Blick auf sie zu erheischen wenn sie in Selbstgespräche vertieft am Ufer sitzt oder geht. Joel ist in der kleinen Familie der ruhende Pol, während Fanny mit dem Großvater über die Welt, das Leben und das Danach diskutiert und philosophiert.

Ein poetisch erzählter Roman, vom Übersetzer Stefan Moster, und das muss hier erwähnt werden, wundervoll ins Deutsche übertragen. Erzählt wird die Geschichte abwechselnd vorrangig von Emma und Joel, aber auch von Fanny und dem Großvater. Es ist die Familiengeschichte einer Frau, die als Reporterin durch alle Krisenregionen der Welt gereist ist und über Gewalt und Entmenschlichung berichtet hat. Und die an Körper und Seele zurückgekehrt ist. Zurück zu Joel, dem besten aller Männer, die doch eigentlich alle gleich sind, der sie aber für die faszinierendste aller Frauen hält. Und zurück zu Fanny, ihrem adoptierten Kind, das auch in der vermeintlichen Idylle Alltagsrassismus erfahren muss. Und zum Großvater, dem abgeklärten Gesprächspartner von Fanny. Hier versucht sie die Gespenster in ihrem Kopf los zu werden, die Nebel der Erinnerungen zu durchdringen, die vielen Bruchstücke zusammen zu puzzeln. Ein leicht erzähltes Buch über Fantasie und Wirklichkeit. Und darüber, dass die Weltprobleme auch vor der kleinen finnischen Insel nicht Halt machen, sie sind schon längst da, wenn man ankommt, alltägliches genauso wie Krieg, Terror und Verantwortung. Und eine Geschichte über Liebe. Beeindruckend, poetisch, schön. Vom Mare Verlag mit einem Bild von Inseln die im Nebel verschwinden, gelungen in Szene gesetzt.

Gustav Förster

Westman, Ina
mareverlag GmbH & Co oHG
ISBN/EAN: 9783866486454
22,00 € (inkl. MwSt.)