Fahrtwind

„Ich will nicht werden, was mein Alter ist“ diese Songzeile von Rio Reiser könnte am Beginn des Romans FAHRTWIND von Klaus Modick stehen. Zu Hause geblieben ist der Ich-Erzähler dieser aus der Distanz von 50 Jahren erzählten Geschichte aus den 70er-Jahren der BRD nach seinem mit Ach und Krach bestandenen Abi und ein wenig Philosophie-, Kunstgeschichte und Literaturwissenschaften-Studium, eigentlich nur wegen Doris. Aber die macht zugunsten eines schnöseligen Medizinstudenten Schluss mit ihm. Und da er alles andere sein will als „& Sohn“ in Vaters Sanitärbetrieb, packt er seinen Rucksack und seine Gitarre und verabschiedet sich von seinen Eltern, die gerade am sonntäglichen Schweinekotelett mit Blumenkohl in Mehlschwitze sitzen, mit den Worten „Weg von hier“. Den Daumen hochreckend stellt er sich an den Straßenrand, Richtung Süden.  Sehnsuchtsziel Italien, egal wie. Hauptsache weg von hier. Damit beginnt ein abenteuerlicher, teils auch skurriler Road Trip durch die 70er-Jahre, die Zeit der Proteste gegen den Vietnamkrieg, der Studentenunruhen und der Flower-Power- Blumenkinder. Ohne Geld und Plan, mit Musik im Kopf und auf den Spuren von Eichendorffs Taugenichts. Dabei begegnet er den unterschiedlichsten Menschen. In einem Hotel gibt er im Batikshirt den Musikclown für gut betuchte Gäste im Greisenalter ab, findet die große Liebe und lernt enttäuscht die Wirkung von Pilzen kennen. Nach seiner Flucht aus dem Hotel, vor den Avancen der Besitzerin, findet er Quartier bei einer jungen Frau, die er frühmorgens klammheimlich verlässt. Er macht dubiose, vielleicht auch zwielichtige Bekanntschaften, lebt später sorgenfrei in einem toskanischen Landhaus und wird schließlich Teil eines Verwirrspiels.

Eine vom Autor leicht und beschwingt erzählte poetische Sommergeschichte, rückblickend aus selbst Erlebten oder Erdachtem. Ein poetisch und flüssig geschriebenes Lesevergnügen, über eine Zeit zu der viele mit oder auch ohne Gitarre, mit oder auch ohne genauem Ziel, daumenreckend an den Straßen standen, manche auch im VW-Bulli oder per Interrail und von Freiheit statt von Karriere träumten. Hauptsache weg. Der Fahrtwind riecht nach Kräutern, vielleicht auch ein wenig nach Hanf. Ein witzig und augenzwinkernd erzähltes Märchen vom Traum vom Nichtstun. Und davon, so leben zu können. Und so wie es sich für Märchen gehört, geht auch dieses gut aus. Musik und Liebe, statt Sanitärhandel.

Gustav Förster

Modick, Klaus
Verlag Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co KG
ISBN/EAN: 9783462001303
20,00 € (inkl. MwSt.)