Erbe der Altendiecks

Fast 100 Jahre Bremer Geschichte von 1766 bis 1848 als Familiensaga der fiktiven Bremer Familie Altendieck umfasst dieser 640-Seiten-Roman von Hendrik Lambertus, einem promovierten Geschichtswissenschaftler, der in der Nähe von Bremen auch eine Schreibwerkstatt betreibt. Sie beginnt mit Nikolaus Altendieck, dem Begründer einer Uhrmacherwerkstatt, dem Großvater von Gesche, der eigentlichen Hauptperson dieser Handwerker- und Kaufleutegeschichte. Begierig saugt sie alles auf, was der Großvater ihr über die Uhrmacherkunst beibringen kann. Für die alteingesessenen Uhrmacher sind die Altendiecks allerdings nur naserümpfend geduldete Kleinschmiede. Und ausgerechnet diese bewerben sich um den mit 425 Talern ausgelobten Bau der neuen Rathausuhr, verbunden mit dem Posten des Ratsuhrmachers.  Und sie bekommen diesen Auftrag auch noch. Ein Auftrag, der nach Meinung des Uhrmachermeistern Greven nur einem zusteht, ihm. Nach monatelanger Arbeit ist das Werk fertig, eine Uhr mit Glockenspiel, und in das Gehäuse eingebaut. Bei der feierlichen Einweihung geschieht die Katastrophe, die die Familie Altendieck fast in den Ruin treibt, oder wie Greven meint, auf den Platz verweist, der ihnen zusteht, in Gesche aber ungeahnte Energien freisetzt. Ihr Bruder Friedrich muss Bremen verlassen, niemand weiß von seinem Verbleib, Gesche muss eine Stelle in einem Haushalt antreten. Doch insgeheim beschäftigt sie sich weiter mit Uhren und will eine Uhr konstruieren, die die Anforderungen des englischen „Board of Longitude“ erfüllt, eine Uhr für Seefahrer, die das Längengradproblem löst und zuverlässig die Zeit anzeigt. Ein ungelöstes Problem, an dem schon viele gescheitert sind.

In 4 Teilen, 1766, 1775, 1810 und 1833, aus denen mancher Autor gut und gerne auch 4 Romane gemacht hätte,  begleiten wir Leser die Familie Altendieck durch die Zeit bis zur bürgerlichen Revolution 1848 und dem abschließenden Epilog. Eine Reise durch fast 100 Jahre  Handwerks- und deutsche Geschichte. Sie beginnt in der  Zeit der alten festgezimmerten Ständeordnung in der jeder seinen angeblich gottgegebenen festen Platz hatte. Eine Zeit, in der Frauen als Mütter, Hausfrauen und  als Beiwerk geduldet wurden, aber keineswegs als Handwerkerinnen oder Geschäftsfrauen. Eine Zeit der Kriege, in der Napoleon einen ganzen Kontinent umwälzte, von Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit geträumt wurde. In der es auch zaghafte erste Rufe nach Frauenrechten gab. Die doch in die Restauration Metternichs mündete und schließlich zur  bürgerlichen Revolution führte.

 In jedem der vier Teile steht ein anderes Familienmitglied der Altendiecks im Mittelpunkt, im Hintergrund agiert aber immer Gesche, die vom jungen Mädchen bis zur Greisin mit der Witwenhaube an Großvaters Werkstatttisch, beharrlich, zielgerichtet, unbeirrbar, fast stur, ihre Ziele verfolgt. Und hinter ihr tickt immer genauso beharrlich Hora, die Uhr, die ihr Großvater und Lehrmeister 1735 gebaut hat. Ein interessanter, gut lesbarer und offensichtlich gut recherchierter Roman über die Ständegesellschaft, den wirtschaftlichen Fortschritt, Erfolge, Misserfolge, Intrigen bis hin zum demokratischen Aufbruch im Vormärz. Angereichert ist die Geschichte mit vielen historischen, politischen Informationen und Details der Uhrmacherkunst, die zu Beginn noch ein Privileg und Statussymbol der reichen Stände war und später mit der  Taschenuhr zu einem erschwinglichen Utensil der „einfachen Leute“ wurde.

Gustav Förster

Lambertus, Hendrik
Rowohlt Verlag
ISBN/EAN: 9783499276088
12,00 € (inkl. MwSt.)