Ein anstäniger Mensch

Das Bühnenbild könnte das eines nordischen Krimis sein. Oder das eines Romans über dänische Wohlfühl-Idylle. Hygge pur. Ein Ferienhaus auf einer dänischen Insel, auf einer Waldlichtung. Wald, Küste, sonst nichts. Das Haus gehört Steen Friis, Doktor der Philosophie, Autor erfolgreicher Bücher über Anstand, Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit. Durch sie ist er zum „Anstandsonkel“ der Nation geworden. Und zu einigem Wohlstand gekommen, den er allerdings eher einem Krimi zu verdanken hat, den er unter Pseudonym verfasst hat. Und von dem nicht einmal Frauke, seine Frau, Psychologin, etwas weiß. Sie haben Besuch von Ute und Gero. Ute ist Verlagsvertreterin des Verlags bei dem Steen seine Bücher verlegt, auch den Krimi, zu dem Ute ihn animiert hat. Gero, IT-ler aus Rostock ist ihr derzeitiger Lebensgefährte. Angereist sind sie mit Geros neuer Yacht Thor, die er vorführen möchte. Genau wie sich selbst. Für Steen steht sofort fest, beeindruckend großkotzig.  Ein Pärchen-Wochenende zu viert soll es werden,  in einem idyllischen Häuschen, spazieren gehen, essen, trinken, reden, wohlfühlen.  Zwischen den Männern baut sich aber Spannung auf. Steen mag Gero nicht. Vor allem als Frauke Steen an eine alte Abmachung aus der Zeit des Kennenlernens erinnert, sich alle Freiheiten zu lassen. Auch in Bezug auf Gero, mit dem sie gerne mal Sex haben würde. Gilt die Abmachung noch? Und Ute scheint Steen gegenüber auch nicht ganz abgeneigt, spielt sie doch gerne mit dem Feuer, streicht wie eine Katze um ihn herum. „Allerdings hoffe ich, dass Sie, lieber Herr Friis, es mit dem Anstand nicht allzu genau nehmen“, hat sie schon bei ihrer ersten Begegnung fast beiläufig bemerkt. Gleichzeitig verreißt ein ehemaliger Studienfreund Steens Bücher und Alltagsphilosophie. Steens Ansprüche geraten ins Wanken. Ab sofort beäugt er misstrauisch jeden gemeinsamen Schritt von Gero und Frauke. Und die nehmen zu. Wirklich? Oder nur in Steens Vorstellung? Auf einem Spaziergang durch den Wald zur Küste überkommen ihn Gelüste, Gero die Steilküste hinunter zu stoßen. Zurück im Ferienhaus bereiten sie gemeinsam Essen zu, aus gesammelten Pilzen und Fischen, die ein befreundeter Fischer, der schon lange einem Blick auf das Haus geworfen hat, frisch gebracht hat. Nach dem Essen sind Gero, Frauke und Steen schwer krank. Nierenversagen, Klinik, Dialyse. Nur Ute nicht, sie hat nichts gegessen. Nach einigem Hin und Her, Vermutungen, Verdächtigungen, kommt raus, es waren die Pilze. Und Steen ist der Pilzkenner auf den sie sich bei der Zubereitung verlassen haben.

Der Roman teilt sich in 220 Seiten  „Davor“, und weitere 130 Seiten „Danach“. Das Leben der vier ist auf den Kopf gestellt. Allen voran Steens, des Ich-Erzählers. Gelten jetzt auch noch die Werte, die der selbstgefällige, selbstsichere Gebrauchsphilosoph, manche Kritiker erinnert er an den Welterklärer Richard David Precht, in seinen Büchern und Auftritten so erfolgreich vertreten und vermarktet hat? Risse tun sich auf. Stimmen seine Werte und Ratschläge auch dann noch, wenn er selbst betroffen ist? War es Zufall? War es billigend in Kauf genommen? Oder war es  gar vorsätzlich? Ein wenig Krimi tut sich hier auf. Spannend, psychologisch gut aufgebaut und leise erzählt nimmt die Geschichte Fahrt auf, entwickelt einen Sog, aus dem weder die Protagonisten noch die Leser entkommen. Ein unterhaltsamer, wirklich gut geschriebener Roman, der so manche Frage aufwirft, über die es sich lohnt nachzudenken.

Gustav Förster

Christophersen, Jan
mareverlag GmbH & Co oHG
ISBN/EAN: 9783866486072
24,00 € (inkl. MwSt.)