Durchlässigkeit der Zeit

Mario Conde kennen wir als Ermittler seit Leonardo Paduras „Havanna-Quartett“, den Havanna-Krimis, die Ihrem Autor und seiner Hauptperson nicht nur in Deutschland zu Bekanntheit und Erfolg verhalfen. Inzwischen ist Mario Conde schon längst frustriert aus dem Polizeidienst ausgeschieden und schlägt sich als Antiquar durch Leben, mal mehr recht, mal mehr schlecht. Und als wohl einziger Privatermittler Kubas seit 1959, im Geheimen, ohne Lizenz, aber die gibt´s in Kuba eh` nicht. Sein in Kürze bevorstehender 60. Geburtstag bereitet ihm darüber hinaus Probleme, ist für ihn ein entsetzliches Datum, ist er dann doch ein alter Sack mit schmerzendem Rücken und Potenzproblemen. Da taucht auf einmal Bobby auf, ein Freund aus längst vergangenen Zeiten, von dem Mario lange nichts gesehen und gehört hat. Bobby, schwul und unter seiner eleganten Kleidung mit nicht ganz sauberer Weste, bittet Mario um Hilfe. Er soll eine schwarze Madonna suchen, die Bobby gestohlen wurde. Diese Madonna, von Bobbys Vorfahren aus Europa mitgebracht, sei sehr wertvoll und verfüge über heilende Kräfte. Er nennt auch gleich einen Verdächtigen, jemanden, wie sich später herausstellt, den es unter diesem Namen gar nicht gibt. Die Suche nach der Madonna führt den alten Detektiv tief in die Abgründe Havannas, in die alltägliche Misere herunter gekommener Stadtteile in die sich kein Kreuzfahrt-/ Pauschaltourist verirrt geschweige denn jemals beim Sightseeing geführt wird.

Menschen, die immer am Abgrund leben. Zwei Morde. Jemand, der so tut als sei er von der Staatssicherheit. Zwielichtige Kunsthändler. Ein ehemaliger Untergebener bei der Polizei, der jetzt seinen früheren Dienst versieht. Sie  begleiten Mario Conde in diesem kritischen Kuba-Gesellschaftsroman durch die Halbwelt Havannas auf der Suche nach der Madonna. Je weiter er eintaucht desto verworrener werden die Spuren , wecken aber auch seinen Spürsinn und Ehrgeiz. Die Geschichte der Madonna führt uns Leser weit zurück in die Vergangenheit, nicht nur Kubas sondern auch Spaniens. Sie schlägt einen großen Bogen zurück ins Mittelalter zu den Tempelrittern und Kreuzfahrern, die Zeit aus der die Madonna stammt. Sie erzählt von Bauern, die sich an Ritter verdingen, von frommen Einsiedlern und vom Irrweg der Madonna über die Pyrenäen, durch das Roussillion und Katalonien. Und schließlich nach Kuba. Ein Weg auf dem sogar der Tempelritter-Kapitän Roger de Flor eine Rolle spielt und der Fall der Kreuzritterfestung Akkon im Nahen Osten. Eine verzwickte Geschichte. Weit mehr als eine Krimi oder gar ein Detektivroman. Das Verbrechen ist dabei lediglich der Aufhänger für einen Roman voller Abgründe, menschliche, politische.  Die kubanische Wirklichkeit bildet den Spannungsbogen. Authentisch, mit dichten Schilderungen der Milieus Kubas, wo alles illegal ist, was nicht verboten ist, wo die Menschen keine Gelegenheit haben selbst zu wählen, wo ihnen gar das Recht auf Irrtum genommen ist. Persönliche Abgründe und die Kubas, das aus der Misere aus Boykott und fehlender Unterstützung nicht heraus kommt. Trotzdem erklingt hin und wieder Musik zwischen den Zeilen, vernimmt man das Lachen der Lebensfreude und des Genusses.

Gustav Förster

Padura, Leonardo
Unionsverlag
ISBN/EAN: 9783293005426
24,00 € (inkl. MwSt.)