Die Zeit des Lichts

DIE ZEIT DES LICHTS ist ein Roman um eine Episode im Leben der die Fotografin  Lee Miller. Schon jung wurde sie von ihrem Vater  in den USA  der zwanziger Jahre als Modell entdeckt und auch bekannt. Reduziert auf Körperteile fühlte sie sich von Blicken durchlöchert und ging, gerade 21 Jahre alt, mit einer alten Kamera im Gepäck nach Paris um dort neu anzufangen. Nicht mehr als Modell vor der Kamera, sondern hinter ihr als Fotografin. Sie möchte Bilder machen anstatt selbst Bild zu sein. In Paris findet sie Zugang zu den schillernden Künstler- und Bohemekreisen, wo die Form über die Funktion triumphiert, wo sich alles um Kunst, Künstler und Partys dreht. Und um die Schönheit, auch eitle Schönheit. Sie lernt den berühmten Fotografen Man Ray kennen und macht sich selbstbewusst zu seiner Assistentin, seiner Muse, seiner Partnerin. Mit ihm zusammen experimentiert sie mit Licht, Schatten und Belichtung. Sitzt ihm aber auch Modell, teilt das Atelier mit ihm. Und das Bett als Geliebte. Sie taucht ein in die Welt von Picasso, Cocteau, Caruso. Selbstbewusst versucht sie dabei immer in der männlich dominierten Kunstszene als Frau und Künstlerin ernst genommen zu werden. Sie versucht sich auch als Schauspielerin, spielt in einem Film eine Statue, die zum Leben erwacht. Nach wenigen Jahren trennt sie sich von Man Ray. Später, lange nach der Trennung wird sie als alliierte Kriegsreporterin weltberühmt, vor allem mit Fotos aus befreiten KZs, und mit dem wohl berühmtesten von ihr: Lee Miller in Hitlers Münchner Badewanne. Das wird allerdings im Roman nur am Rande gestreift, in kurzen hin und wieder eingeworfenen Episoden.

DIE ZEIT DES LICHTS ist eine faszinierende Geschichte über eine eigentlich recht kurze Periode im Leben einer Frau und Künstlerin. Der Titel ist doppeldeutig. Ein Leben, zuerst im Schatten des egoistischen, eitlen, selbstgefällig nur auf sich und seine Kunst fixierten Man Ray, später als eigenständige selbstbewusste Fotografin. Es ist auch ein detailreicher geschichtlicher Roman über die Zeit zu Beginn der 30er-Jahre in Paris und über die avantgardistische Kunst- und Künstlerszene dieser Epoche, die auf dem Vulkan tanzte obwohl das Wetterleuchten der folgenden Zeit schon sichtbar war. Und über die Geschichte der Fotografie als Kunstform. Ein biografischer Roman, keine Biografie, im Detail sicherlich Fiction, über den Weg einer selbstbewussten Frau, die nicht nur als Schönheit und Anhängsel gesehen werden wollte. Über ihren Weg aus dem Schatten Man Rays ins Licht. Die Statue erwacht zum Leben und tritt aus dem Schatten des Mannes, der sich, so jedenfalls im Roman, nicht einmal scheute, ihre Bilder als seine auszugeben. Heute hingegen dürfte Lee Miller fast bekannter sein als Man Ray.

Gustav Förster

Scharer, Whitney
Klett-Cotta
ISBN/EAN: 9783608963403
22,00 € (inkl. MwSt.)