Die Unsichtbaren

 „Vom Himmel aus gleicht Barroy einer Fußspur im Meer mit einigen verkrüppelten Zehen im Westen. Nur hat noch niemand Barroy vom Himmel aus gesehen, abgesehen von den Bombenfliegern, die nicht wussten, was sie sahen, und dem Herrgott, der offenbar mit diesem dem Meer aufgedrückten Stempel keine weitere Absicht verbunden hat.“

Barroy ist eine Insel im Nordmeer vor der norwegischen Küste. Dort wächst Ingrid auf, in einer Fischerfamilie im Kampf gegen Naturgewalten, Armut und Tod. Niemand interessiert sich für Barroy, das „Land des Schweigens, wo die erwachsenen den Kindern nicht erklären was sie zu tun haben, sie zeigen es ihnen und die Kinder ahmen nach…. Ein wortkarger Menschenschlag, mit großer Weisheit in Händen und Füßen“. Und niemand interessiert sich für die Bewohner von Barroy, die „Unsichtbaren“, und diese interessieren sich eigentlich auch nicht für die Welt da draußen, auf den anderen Insel und dem Festland. Und das macht niemanden etwas aus, weder auf Barroy noch anderswo. Sie leben vom Fischfang bei den Lofoten, zu dem sie regelmäßig aufbrechen. Auf den Kabeljau, den sie ausnehmen und trocknen. Ansonsten betreiben sie ihre karge Landwirtschaft, stechen Torf, bauen einen Anleger, warten auf die Milchroute, das Schiff, das die Milch abholt. In dieser rauen, einsamen Welt wächst Ingrid auf. Nach einer kurzen Zeit als Hausmädchen auf dem Festland geht sie, nachdem die Familie in der sie war zerbrochen ist, mit den Kindern der Familie nach Barroy zurück und wird im Laufe der Jahre die Herrin von Barroy. Auch der Krieg ist weit weg. Und doch bricht er auch in diese einsame Welt ein. Irgendwo ist ein Schiff versenkt worden, die „Rigel“. Leichen treiben an und ein Überlebender, schwer verletzt, ein Überlebender eines deutschen Bootes. Deutscher Soldat? Russischer Kriegsgefangener? Deutsche Soldaten suchen die Insel ab. Ingrid versteckt ihn. Erlebt eine sprachlose Liebe mit ihm bevor er die Insel wieder verlässt. Ingrid ist schwanger und macht sich nach der Geburt von Kaja mit ihrer Tochter auf, den Mann zu suchen. Einen Mann von dem sie eine wage Beschreibung hat und den Namen Alexander, dessen Weg durch das Nachkriegsnorwegen auch  dessen Ziel sie nicht kennt. Von dem sie nicht einmal weiß, ob er überhaupt auf dem Festland angekommen ist.

Ein großartiger Roman, der eigentlich aus drei Büchern besteht, „DIE UNSICHTBAREN“, „WEISSES MEER“ und „AUGEN DER RIGEL“, von denen die beiden ersten auch bereits im Hamburger Osburg Verlag erschienen waren. Jetzt hat der Beck Verlag den kompletten dreiteiligen Roman veröffentlicht, rechtzeitig zur Buchmesse mit dem Partnerland Norwegen. Trotz über 600 Seiten hat das Buch keinen Satz zu viel, es ist lakonisch wie das Land mit großartigen Schilderungen der Landschaft und der Menschen. Ruhig, aber unaufhaltsam erzählt. Ein ungewöhnlicher Schreibstil auf den man sich einlassen muss. Manchmal kurz und knapp. Manchmal lang und verschachtelt. Aber nie ausschweifend. Eigentlich passiert nicht viel, aber dieses Wenige übt einen Sog aus, die Geschichte geht unaufhaltsam weiter. So wie das Leben, es kommt wie es kommt. Es ist wie es ist. Ein außergewöhnliches Buch über das einfache Leben. Über das Zusammenleben von Mensch und Natur. Manchmal auch gegeneinander. Sprachlich stark und anspruchsvoll. Beeindruckend, distanziert, emotionslos.

Gustav Förster

Jacobsen, Roy
Verlag C. H. BECK oHG
ISBN/EAN: 9783406731839
28,00 € (inkl. MwSt.)