Die Stadt am Ende der Welt

Nach einem großen Streik und dessen gewaltsamer Niederschlagung 1916 mit dem Massaker von Everett hat sich Charles Worthy einen Traum verwirklicht und mitten in den Wäldern im äußersten Nordwesten der USA die Holzfällersiedlung Commonwealth gegründet in der er mit seinen Mitstreitern ohne Ausbeutung und Unterdrückung autark leben und arbeiten wollen. Ein Experiment, das von vorne herein misstrauisch beäugt wird. Auch kommen die Bewohner von Commonwealth offensichtlich nur unwillig auch gar nicht der Mobilisierung zum Krieg im fernen Europa nach. Als dann 1918 die in Europa grassierende Spanische Grippe auch die USA erreicht beschließen die Einwohner von Commonwealth mehrheitlich eine freiwillige strenge Quarantäne. Sie blockieren die Zufahrten zum Ort  und organisieren einen bewaffneten Wachdienst der für die Einhaltung sorgen soll. Während einer dieser Wachen muss Philip Worthy, der Adoptivsohn von Charles Worthy,  mit ansehen wie ein abgerissener und hungriger  Soldat bei dem Versuch nach Commonwealth zu gelangen von seinem Freund Graham erschossen wird. Kurz darauf sieht er sich bei einer Wache vor die gleiche Situation gestellt und muss eine Entscheidung treffen, für sich und die Gemeinschaft oder für den Fremden. Er entscheidet für den Fremden, der als Bedrohung empfunden wird und auf den auch alle Vorkommnisse projiziert werden. In dem bisher abgeschlossenen Ort entsteht Unruhe und Misstrauen.

„DIE STADT AM ENDE DER WELT“ ist ein spannender Roman um die Bedrohung um einen unsichtbaren Feind. Dem Autoren gelingt es Personen, Geschehnisse und Stimmungen überzeugend zu schildern und die Handlung mit einer Liebesgeschichte genauso wie mit krimihaften Elementen zu würzen. Es ist eine unheimliche und düstere Geschichte um Mistrauen, Aggression, Hysterie. Es ist aber auch eine Geschichte von Menschlichkeit contra vermeintlicher Sicherheit und die Frage was darf man tun um sich und andere zu schützen. Und es ist die Geschichte der Utopie einer gerechten Welt ohne Ausbeutung und Unterdrückung. Es ist keine simple Schwarz-weiß-Malerei, weder moralisierend noch kommt irgendwann einmal ein erhobener Zeigefinger zum Vorschein. Der Autor erspart sich jede Wertung, die Wirkung erfolgt einzig und allein durch die Geschichte, die, so könnte man glauben, sich irgendwo auch so ereignet haben könnte. Zugrunde liegt dabei das Massaker von Everett und die Spanische Grippe die vor fast genau 100 Jahren weltweit wütete. Veröffentlicht wurde der Roman zum ersten Mal 2006, damals der Debütroman des Autoren, und war zwischenzeitlich vergriffen, die derzeitige Pandemie hat ihm unverhofft Aktualität verliehen und den Dumont Verlag zu der jetzt vorliegenden Neuausgabe veranlasst.

Gustav Förster

Mullen, Thomas
DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG
ISBN/EAN: 9783832181512
18,00 € (inkl. MwSt.)