Die Opfer, die man bringt

Mit ihren Krimis um den Kriminalpsychologen Sebastian Bergmann, seine Tochter Vanja und die schwedische Reichsmordkommission haben die Autoren Hjorth & Rosenfeldt eine Marke geschaffen, der sie auch in dem nun erschienenen 6. Roman treu bleiben. Es beginnt in Uppsala. Dort geht eine unheimliche Vergewaltigungsserie um. Alle Opfer werden halbnackt aufgefunden, in ihrer Wohnung, im Gebüsch neben der Straße, immer mit einem über den Kopf gezogenen Sack. Dorthin, nach Uppsala, hat sich Vanja versetzen lassen, weg von der Mordkommission, weg von ihrem Vater. Je weniger Platz dieser in ihrem Leben einnimmt, desto besser. Und das gälte nicht für sie, sondern sicherlich für alle Menschen, so ihre feste Überzeugung. Doch ihre Chefin bittet Bergmann um Hilfe. Er ist zwar ein Ekel, aber eben doch der Beste. Eigentlich tingelt er zur Zeit als „ganz passabler Autor“ auf Lesereise durch Buchhandlungen um seine Bücher vorzustellen, möchte im Grunde auch gar nicht mehr als Kriminalpsychologe arbeiten.  Aber Vanjas Chefin gelingt es, ihn bei seiner Eitelkeit zu packen, er sei als Kriminalpsychologe eben doch besser denn als Autor, und  ihn so in die Ermittlungen einzubeziehen. Um ihm aus dem Weg zu gehen wechselt Vanja wieder zurück in die Reichsmordkommission. Doch dann passiert ein Mord und Bergmann wird, da er sowieso schon involviert ist, ins Team geholt. Und so muss Vanja nun doch wieder wohl oder übel mit ihm zusammenarbeiten. „Es spielt keine Rolle, wie oft sie ihn schon hinausgeworfen hatten, er kam immer wieder zurück. Wie ein menschlicher Bumerang“. Die verwickelten Ermittlungen führen das Team zu einer Anti-Abtreibungsgruppe innerhalb der schwedischen Kirche und einer Pastorin, die sich gerade anschickt, in der Kirchenhierarchie aufzusteigen.

Auch in diesem absolut lesenswerten Roman ist der Fall selber fast nebensächlich, es geht hauptsächlich um Sebastian Bergmann, in „höchsteigener, unausstehlicher Person“, das Arschloch, das sich immer wieder dafür entschuldigt, Arschloch zu sein, anstatt damit aufzuhören, Arschloch zu sein. Selbst auf eine Wurzelbehandlung freue man sich mehr, als ihn zu treffen. Und um seine Mitarbeiter und seine Tochter Vanja, die regelmäßig versucht, ihm zu entkommen. Wobei es Sebastian immer wieder gelingt, doch wieder in ihre Nähe zu kommen. Manchmal scheint sogar eine Versöhnung in der Luft zu liegen, nur damit er einen Moment später, genial wie er ist und doch auch traumatisiert und selbstzerstörerisch, wieder einreißt, was er gerade ansatzweise versucht hat. Die vielschichtige Handlung des verwickelten Falles wie auch die Personen sind psychologisch perfekt aufgebaut, die Spannung bleibt von der ersten bis zur letzten Seite erhalten. Geschickt eingeflochten erzählen die Autoren  parallel dazu die Geschichte von Billy, PC- und Technikspezialist im Team, und Jennifer, einer Freundin von ihm, die verschwunden ist,  im Netz aber noch irgendwie doch no9ch existiert. Eine anfängliche Nebenfigur drängt so in den Vordergrund. Das Ende des sechsten Falls ist die Ouvertüre zum nächsten Fall. Die Leser dürfen gespannt sein.

Gustav Förster

Hjorth, Michael/Rosenfeldt, Hans
Wunderlich, Rainer Verlag
ISBN/EAN: 9783805250887
22,95 €