Die Kandidatin

„Wollt ihr totale Diversität“ mit dieser Frage, die an eine andere Frage aus der deutschen Geschichte erinnert, die ein junger Mann ins Megaphon schreit, beginnt der Roman „DIE KANDIDATIN“ von Constantin Schreiber. Die Gesellschaft ist gespalten. Gedruckte Tageszeitungen gibt es nicht mehr. Die Berichterstattung erfolgt zielgruppengerecht durch Blogger, Youtuber und Influencer als Peer-Journalismus. Alles ist geregelt. Algorhytmen bestimmen das Leben. Es gibt ein Frauen- und ein Gerechtigkeitsministerium, ein Gute-Namen-Gesetz und ein Vielfältigkeitsförderungsgesetz. Aufstiegschancen hat nur, wer der Quote entspricht und genügend Vielfältigkeitsmerkmale aufweist. Museen sind in Rassismus-Museen umgewandelt, die Exponate an die Herkunftsländer zurückgegeben und von dort zum Teil nach China verkauft worden. Ein Teil der Gesellschaft, der der es sich leisten kann, zieht sich in Gated Communities zurück, gründet Dörfer, eine Gegengesellschaft. In Frankreich regiert Le Pen und in der Türkei der greise Diktator Erdogan. Die ehemals so stolze SPD dümpelt bei 5% vor sich hin.

In dieser Situation kandidiert Sabah Hussein als erste Muslima und Kandidatin der ökologischen Partei und hat alle Chancen, gewählt zu werden. Als Feministin, Muslima und Flüchtlingskind, intelligent und ehrgeizig, entsprechen ihre Vielfältigkeitsmerkmale den Vorgaben der Quoten. „Du kannst alles werden, solange du dich Gott unterwirfst“ dieser Rat nach einer Geschichte einer Königen von Saba ist ihr Ansporn. Doch sie hat mächtige Gegenspieler die sich in Position bringen. Die Situation ist angespannt und die Debatten sind lediglich auf die Vernichtung der Gegenseite ausgerichtet, anders Denkende sind verächtliche Feinde die vernichtet werden müssen. Eine Debattenkultur existiert nicht mehr. Man hört nur noch das, was man hören will, was man sowieso schon weiß, zu wissen glaubt. In dieser Situation erfolgt ein Attentat auf Sabah Hussein.

In dieser überspitzten Szene siedelt der Autor Constantin Schreiber, mit dem Grimme-Preis ausgezeichneter Journalist, ausgewiesener Kenner des arabischen Raumes mit dem großen Vorbild Scholl-Latour, jetzt Tagesschau-Sprecher, seinen dystopischen Roman an. Ein Roman über eine zutiefst gespaltene Gesellschaft, in der der Kampf gegen Diskriminierung längst in neue umgeschlagen ist, in der die Empörungskultur sich gegenseitig ergänzt, ja beflügelt. Es  ist eine Geschichte von Krise, Konflikt und Polarisierung am Vorabend einer Wahl. Eine Geschichte, die zur Diskussion anregt, anregen muss. Auch auf die Gefahr hin, dass die falschen Leute Beifall klatschen.

Gustav Förster

Schreiber, Constantin
Hoffmann und Campe Verlag GmbH
ISBN/EAN: 9783455010640
22,00 € (inkl. MwSt.)