Die Himmelskugel

St. Helena ist eine der entlegensten Inseln im Südatlantik, irgendwo im Nirgendwo, mit dem (lt. SZ 2017) wohl nutzlosesten Flugplatz der Welt.  Laut Napoleon, der von den Engländern dorthin verbannt wurde, ein verfluchter Felsen, eine Vulkaninsel in den Weiten zwischen Angola und Brasilien. War sie bisher eigentlich nur durch Napoleons Verbannung auf der Landkarte so setzt sie jetzt der finnische Autor Olli Jalonen mit seinem Roman „Die Himmelskugel“ auf die Weltkarte. Wenigstens die der Literatur. 1677 weilte der gerade 21-jährige Edmond Halley dorthin  um astronomische Beobachtungen und Messungen vorzunehmen. Der achtjährige Angus von der Totholzebene wird von ihm als Helfer mit der Aufgabe betreut, tagsüber Vögel und nachts die Sterne zu beobachten und deren Position zu markieren. Zuverlässig kommt der seiner Aufgabe nach, lernt Sterne und Planeten, von denen damals nur 5 bekannt waren, zu unterscheiden, saugt alles Wissen in sich auf. Auch als Halley die Insel schon längst wieder nach England verlassen hat macht er auf seinem Beobachtungssitz in einem Baum weiter, zuverlässig Nacht für Nacht. Beim Pastor lernt er Lesen und Schreiben und fast den Plan selbst Wissenschaftler zu werden. Und dafür muß er von St. Helena, wo es nicht einmal eine Schule gibt, nach England. Als auf der Insel religiöse Unruhen ausbrechen, wird er als blinder Passagier, ausgerüstet mit wenig Kleidung, Nahrung, und mit einem Brief an Halley, auf einen Handelssegler geschmuggelt. Die erste Zeit der wochenlangen Reise, auf einem Schiff und einer Route auf der auch Sklaven verschifft werden, verbringt er versteckt  im Mastkorb und später nach seiner Entdeckung als billige Arbeitskraft an Deck. Am Ende dieser strapaziösen Reise gelangt er, der noch nie eine Stadt gesehen hat, nach London wo es ihm auch gelingt, Halley zu finden. Und wirklich, Halley erinnert sich an ihn, an Angus von der Totholzebene.

Eine mitreißende und abenteuerliche Geschichte für historisch interessierte Leser  aus der Zeit an der Schwelle zur Neuzeit erzählt der Autor in seinem Roman. Eine Geschichte von einem Jungen, besessen von dem Wunsch zu lernen, der  meint, er sei ein leerer Raum der gefüllt werden müsse. Der von seiner Insel,  „an einer Stelle im Weltmeer…. Am Meeresgrund verankert“, aufbricht um das Universum zu erforschen. Es ist auch ein historischer Wissenschaftsroman, der aber nicht die Beschwerlichkeiten und Grausamkeiten der damaligen Zeit ausspart. Einer Zeit als Wissenschaft oft aus geduldigem Beobachten bestand, als logische Erkenntnisse oft im Widerspruch zu den Lehren der Kirche standen. Und es ist die fiktive aber mit geschichtlichem Wissen gespickte Geschichte einer Freundschaft  zwischen einem Jungen und einem Gelehrten, der mehr entdeckte als den Kometen, der nach ihm benannt ist. Nicht ohne Grund erhielt der Roman den Finlandia-Preis.

Gustav Förster

Jalonen, Olli
mareverlag GmbH & Co oHG
ISBN/EAN: 9783866486096
26,00 € (inkl. MwSt.)