Die Glocke im See

In seinem Roman DIE GLOCKE IM SEE nimmt der norwegische Autor Lars Mytting seine Leser mit auf eine Reise im Jahr 1880 nach Butangen, einem kleinen Ort im Gudbrandsdalen, dort wo Peer Gynt gelebt hat, dort wo der dunkle Süßmolkekäse aus Kuh- und Ziegenmilch herkommt. Und die Welt der nordischen Sagen und Mythen, von Trollen und Riesen, guten wie bösen. Der junge Pfarrer Kai Schweigaard hat dort sein Amt angetreten, möchte sich beweisen, möchte in das rückständige Butangen, 20 Jahre Entwicklung hinter den umliegenden Gemeinden, die wiederrum 30 Jahre hinter den norwegischen Städten zurück, die selber 50 Jahre hinter Europa zurück liegen, die moderne Zeit einziehen lassen. Er möchte die 700 Jahre alte dunkle, mystische Stabkirche durch eine neue, hellere, größere Kirche ersetzen. Eine Stabkirche über die Jahrhunderte eng verbunden mit dem Ort und dem Leben dort, nicht nur Haus zum Beten sondern auch Schutz und Festung gegen dunkle Mächte und Bergriesen. Eine Verbindung  zwischen der Götter- und Sagenwelt und dem Christentum, mit ihren „Schwesternglocken“, gespendet vom Hecknehof nach dem  Tod der Schwestern, als siamesische Zwillinge das ganze Leben miteinander fest verbunden, bis zum frühem Tod der einen, der die andere unweigerlich mitnahm. In die Schmelze der Glocken kam das Familiensilber der Heckne, und Haare der Zwillinge, der Überlieferung nach sollen sie bei aufziehender Gefahr beginnen zu läuten. Diese Kirche ist nach Dresden verkauft, wo sie wieder aufgebaut werden soll. Der Student Gerhard Schönhauer ist von dort nach Butangen gesandt um die Kirche in allen Details zu dokumentieren, ihren Abbau zu überwachen und für den Transport zu sorgen. Er bezieht Quartier im Pfarrhof. Dort trifft er auf Astrid vom Hecknehof, die bis vor kurzem im Pfarrhaushalt gearbeitet hat und immer wieder dorthin zurückkehrt,  um mit Kai Schweigaard zu reden. Und Zeitungen zu lesen deren Werbeanzeigen ihr wie Fenster zu einer anderen Welt erscheinen. Eigentlich lebt es sich ja ganz gut in Butangen, aber dieses „eigentlich“ reicht Astrid Heckne nicht, sie will mitbekommen was vor sich geht, will mehr als das bäuerliche Leben zwischen Hof, Kindern, Kirche und Tod. Will mehr als das ewige „müssen wir, dann müssen wir“. Plötzlich steht sie zwischen zwei Männern, träumt von Dresden mit seinen Gaslaternen, lernt Deutsch mit Meyers Sprachführer, trennt das Leben schon mal in Davor und Danach.

Der Beginn einer 3-bändigen nordischen Familiensaga, melancholisch und schön. Der Kampf zwischen Tradition und Moderne, Mythologie und Aberglauben in einem abgelegenen Tal, in das der junge Pfarrer gerne die Moderne einziehen lassen würde. Durchsetzt mit einer Liebesgeschichte und vielen Informationen über das Leben zwischen der langen Dunkelheit der Winter und den langen Tagen im Sommer, wenn im Winter der Boden so gefroren ist, dass die Toten erst nach Monaten beerdigt werden können, das Grün andererseits bei den ersten Sonnenstrahlen eilig sprießt. Und über Stabkirchen, mit ihren geheimnisvollen Schnitzereien aus der alten, aber allgegenwärtigen  Götterwelt . Und die Geschichte einer jungen Frau zwischen zwei Männern, zwischen Davor und Danach, die aber trotz ihrer Reiselust nicht loskommt von Butangen, dran hängt wie die Zwillinge aneinander hingen. „Zum Weggehen braucht es einen starken Willen, zum Bleiben aber auch“.

Gustav Förster

Mytting, Lars
Insel Verlag
ISBN/EAN: 9783458177630
24,00 € (inkl. MwSt.)