Der erste Mensch

„Der erste Mensch“ ist ein opulenter Krimi mit vielen Anklängen an Simenons Maigret vor der Kulisse der südfranzösischen Küste östlich von Marseille, den Calanques. Hier in der zerklüfteten Felsenküste mit vielen manchmal nur vom Meer aus zugänglichen Buchten befindet sich die Le-Guen-Höhle, eine prähistorische Höhle, deren Eingang allerdings 35 Meter unter der Wasseroberfläche des Mittelmeeres ist. Eine Höhle mit vielen urzeitlichen Kunstwerken, so wie in Lascaux oder der Grotte Chauvet an der Ardeche. Ein erfahrener Taucher ist dort beim Auftauchen durch Dekompression ums Leben gekommen, offensichtlich kein Unfall. Michel de Palma, genannt der Baron, Kommissar aus Marseille, in dessen Zuständigkeit die Calanques fallen, stößt dabei auf einen alten Fall, den verurteilten Serienmörder Thomas Autran, der einen Großteil seiner Kindheit und Jugend in verschiedenen psychiatrischen Einrichtungen verbracht  hat. Und dessen Schwester Christine, renommierte junge Wissenschaftlerin, die auch schon im dem Roman „Der große Jäger“ eine Rolle spielte,  zu der Thomas ein mehr als nur geschwisterliches Verhältnis hatte,  und die wegen Beihilfe verurteilt jetzt kurz vor der Haftentlassung steht.  Sie beide haben bei dem mysteriösen Unfalltod ihrer Mutter, von der sie sich abgelehnt gefühlt hatten, und der nie richtig aufgeklärt wurde, wohl eine Rolle gespielt. Während der laufenden Ermittlungen, in denen auch abgefahrene, schrullige Psychiatrieprofessoren und Prähistoriker eine Rolle spielen, gelingt es Thomas Autran aus dem Gefängnis zu entkommen. Mehrere Ermittlungsansätze in verschiedene Richtungen, die den Ermittler unter anderem auch in psychiatrische Einrichtungen führen und  die erst kurz vor Ende zusammen geführt werden,  müssen von dem charismatischen Freund klassischer Musik Michel de Palma, verfolgt werden. Ermittlungen, die in komplizierte Familienverhältnisse, Geschichtswissenschaften und die Tiefen, manchmal auch Untiefen der Psychiatrie führen und dabei hin und wieder auch an die Grenze zwischen „normal“ und „verrückt“ geraten.

Der inzwischen dritte Roman „Der erste Mensch“ von Xavier-Marie Bonnot mit Michel de Palma, erschienen im Schweizer Unionsverlag,  ist ein anspruchsvoller gruseliger Krimi mit verschlungenen Handlungen und Morden nach einem offensichtlich uralten Ritual. Er handelt vor einer faszinierenden Kulisse und dem genauso faszinierenden (prä)historischen Hintergrund der Höhlen zwischen dem französischen Zentralmassiv und dem Mittelmeer. Ein Roman, in dem auch die Psychiatrie und eine leise anklingende Kritik an den früher dort angewendeten Methoden eine Rolle spielen. Er führt mit viel psychologischem und historischem Hintergrundwissen in menschliche Abgründe und in die mystische, geheimnisvolle eiszeitliche  Urgeschichte mit ihrem Schamanentum. Ein interessanter Plot, gut ausgearbeitet und mit vielen Details ausstaffiert. Das Geheimnis dieser Höhlen, deren Schöpfer schon mal als eiszeitlicher Picassos bezeichnet wurden, und deren Nachbauten man z.B. in Lascaux und an der Ardeche besichtigen kann, ist dabei ein absolut gelungener gruselig schöner Hintergrund.

Gustav Förster

Bonnot, Xavier-Marie
Unionsverlag
ISBN/EAN: 9783293005556
19,00 € (inkl. MwSt.)