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Das Leben vor uns

Milka und Anja sind Freundinnen seit der ersten Klasse. Zwei absolut unterschiedliche Mädchen am Stadtrand von Moskau in der 80er-Jahren. Sie stapfen zusammen durch den Schnee zur Schule, zuckeln durch Maifelder, streifen durch Birken- und Espenwälder, sammeln Pilze, baden im Fluss, erkunden das andere Ufer. Lebenshungrig und frech saugen sie alles auf was hin und wieder aus dem Westen zu ihnen durchdringt, fühlen „We Are The Champignons“. Als Breschnew 1982 stirbt erleben sie gerade  Ihre Pubertät und tauschen nach einem Discoabend ihren ersten Kuss „wenn wir keine Jungs finden, weiß ich nicht, was aus uns wird. Auf keinen Fall will ich bis an mein Lebensende nur dich küssen“ sagt Milka danach. Die Beiden verbindet eine unerschütterliche Freundschaft durch die Wirren des Zerfalls der Sowjetunion, ein Land “zu alt und zu störrisch“, so Anjas Großmutter, ein Land, das man gleichzeitig liebt und hasst. Wie die meisten Russen haben sie die Sowjetunion nie verlassen, fremde Städte und Länder waren für sie genauso weit weg wie der Mond.

Der Roman begleitet die beiden, ihre Familien und vor allem auch die beiden Freunde Lopatin und Trifonow, genauso unterschiedliche Charaktere wie Anja und Milka, weiter durch die Teenagerzeit ins Erwachsenenleben. Im Hintergrund immer Russland mit seinen Umwälzungen von der Sowjetunion, dem Elend des zweiten Weltkrieges, den Anjas Großmutter in Leningrad durchlitt, über  Breschnew, Gorbatschow, Andropov, Jelzin, bis hin zu Putin. Ein Land, geliebt und gehasst, mit seiner Kultur, seinem Essen, seinen Datschen und Obstgärten, seinen Musikern und Literaten, von denen  Tschechows Kirschgarten mit seinen Protagonisten immer wieder im Hintergrund präsent ist. Ein Land mit hitzigen, manchmal auch Wodka geschwängerten politischen Debatten. Nach dem großen Umbruch geht Anja zum Studieren nach Amerika ohne dabei ihre Heimat zu vergessen, die als Mitgift in ihrem Kopf und ihren Gefühlen immer bei ihr bleibt.

Ein gerne gelesener in Ich-Form von Anja erzählter Debutroman über das Erwachsenwerden unter turbulenten Bedingungen. Keine leichte Strandlektüre, dennoch gut zu lesen und von der amerikanischen Autorin mit russisch-armenischen Wurzeln mit absoluter Selbstverständlichkeit erzählt. Über eine unbeschwerte Kindheit und Jugend in einer Diktatur und in einer Zeit der Wirren und des Zerfall, der Staat ist weit weg und gleichzeitig so nah. Ein Aufwachsen, das sich trotzdem nicht von dem anderswo unterscheidet, das manchmal aber auch in einer Tragödie endet. Bildreich erzählte Idylle und Dramatik gleichzeitig, begleitet von politischen Umwälzungen. Absolut empfehlenswert und sicherlich eins der Highlights, ein „Pageturner“ laut FAZ, im den aktuellen Verlagsprogrammen.

Gustav Förster

Roman
Einband: gebundenes Buch
EAN: 9783406791314
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