Das geheime Leben des Mr. Pick

Täglich erhalten Verlage unverlangt eingesendete Buchmanuskripte. Viele von ihnen werden wahrscheinlich nicht einmal angesehen, geschweige denn, gelesen. Andere Einsendungen werden mit Standardbriefen, angeblich eine Lieblingsbeschäftigung für Praktikanten, abschlägig beantwortet, „Der Name der Rose“ kassierte 28 Ablehnungen, „Im Westen nichts Neues“ gar 120. Wer sich von diesen Ablehnungen entmutigen lässt landet in Daniel Foenkinos ´ Roman in der Bibliothek für ablehnte Bücher in Crozon, kurz vor dem bretonischen Finistere. Das Ende so manchen Traums  vom Ruhm als Schriftsteller am sturmumtosten Ende der Welt. Hier können gescheiterte Schriftsteller persönlich, so die Bedingung, ihre Träume vom Literaten abgeben und so wenigstens für die Zukunft erhalten. In dieser Bibliothek findet Delphin, junge, aufstrebende Lektorin eines Pariser Verlages zusammen mit ihrem Freund Federic, bislang erfolgloser Schriftsteller, meist damit beschäftigt in Buchhandlungen ergebnislos nach dem Beweis seiner literarischen Existenz zu suchen, eines Tages den Roman „Die letzten Stunden einer großen Liebe“, angeblich geschrieben von einem Henry Pick. Die Recherchen ergeben nur einen Henry Pick, vor geraumer Zeit verstorbener Pizzabäcker in Crozon, der, so die glaubhafte Versicherung von Frau und Tochter, nie im Leben auch nur eine Zeile geschrieben habe. „Mein Henri soll ein Buch geschrieben haben? Das würde mich wirklich wundern. Er hat nie etwas geschrieben……………Ich kann mir das nicht vorstellen“ so seine Witwe. „Papa einen Roman, so ein Schwachsinn………….Papa hat nie etwas geschrieben. Keine Postkarte, nichts. Nicht einmal Geburtstagskarten, das war immer deine Schrift“ so die Tochter Josephine zur Mutter, als sie auf der ersten Seite des Buches den Namen ihres Vaters liest, Henri Pick. Delphine schafft es,  das Buch zu verlegen. Ein literarischer Sensationsfund! Schnell wird es zum Bestseller, ist in aller Munde. Eine Auflage folgt der anderen. Die Rezensenten überschlagen sich. Schriftsteller beginnen im Schatten dieses Erfolges gar, es als Privileg zu betrachten, von Verlagen abgelehnt zu werden. Verlage beginnen, Scheitern als Marketinginstrument einzusetzen. Der Kulturminister denkt drüber nach, ergänzend zur französischen „Fete de la musique“ einen „Tag der unveröffentlichten Autoren“ ins Leben zu rufen. So viel Aufmerksamkeit ruft natürlich auch Zweifler auf den Plan. So auch den alternden Journalisten Rouche, der mit geliehenem Auto, und in der Hoffnung, einen Komplott aufzudecken und so noch einmal eine Schlagzeile zu landen, von Paris extra in die Bretagne reist, um seinen Zweifeln an der Autorenschaft Henri Picks nachzugehen.

Die Geschichte beginnt ein Eigenleben zu entwickeln, verselbstständigt sich, entwickelt sich zu einem Roman um einen Roman. Und um den Literaturbetrieb. Gekonnt erzählt David Foenkinos mit viel Leichtigkeit in seinem Roman die Geschichte einer Geschichte, die zum Selbstläufer wird. Charmant, manchmal auch augenzwinkernd und nicht ohne kleine nette Seitenhiebe auf die manchmal so selbstgefällige Branche von Autoren, Verlegern, Rezensenten, Literaturpäpsten, die schon so manchen Autor treffsicher verkannt haben. Hinreißend, ein bisschen schräg, amüsant, beschwingt. Ein wunderbarer Zeitvertreib, dem viel Erfolg zu gönnen ist.

Gustav Förster

Foenkinos, David
DVA Deutsche Verlags-Anstalt GmbH
ISBN/EAN: 9783421047601
19,99 €