Düsternbrook

Seine Rolle als Tatort-Kommissar Borowski spielt er zurückhaltend souverän, ruhig, unspektakulär, manchmal scheinbar zerstreut, dabei wohl aber eher hochkonzentriert. Nun hat Axel Milberg einen autobiografischen Roman geschrieben. Es ist nicht der Roman einer Karriere sondern der einer Kindheit im noblen Kieler Stadtteil Düsternbrook, durch und durch evangelisch „Wir Protestanten waren ehrlich, wir waren ohne Arg. Glaubten wir. Die Katholiken aber, oha, das war sicher, die können sündigen, und dann beichten sie und sündigen wieder“. Der Vater ist angesehener Rechtsanwalt, die Jagd ist sein Hobby, Scheidungen sind sein Metier, “Kannst du deine Frau nicht leiden, geh zu Milberg, lass dich scheiden“. Die Mutter ist Ärztin, eine strenge Königin, sie liebt und fordert, gibt ihr Geld lieber für einen Museumsbesuch aus, oder für die Oper, anstatt für den Friseur. Sein unverheirateter schwuler Patenonkel Ritter von Georg, Onkel Oki, lebt als Lebemann „a la carte“ in Hamburg, mag die Norddeutschen nicht besonders und prophezeit ihm „sobald du kannst verschwindest du von hier“. Klavierunterricht hat der kleine Axel bei Fräulein Wilhelmsen, sie ist um die 60, wirkt freundlich ist aber eigentlich desinteressiert. Während des Unterrichts träumt er sich weg, träumt von Raumschiffen und deren Mannschaften, fällt im Traum durch ein Hallendach just als ein Amerikaner den Mond betritt. Später hört er Erich von Dänicken zu, sucht nach Spuren von Besuchern aus dem All, stellt Marder auf dem Dach in Frage, waren es doch etwa….? Er interpretiert das Kieler Kennzeichen KI als „künstliche Intelligenz“, die Postleitzahl 23 als geheimnisvolle Primzahl. Er gründet gar eine Gruppe um Aliens zu finden und legt eine Liste verdächtiger Personen an. In der Theater-AG des Gymnasiums sammelt er mit einer „Pupsrolle“ erste Bühnenerfahrungen. Beim Tennis versucht er seiner ersten Liebe Lili näher zu kommen und sieht, als ihre Partnerin nicht kommt, seine große Chance beim gemischten Einzel. Er mochte einfach alles an ihr, der Kafka-Leserin, wunderschön, frech mit kleinem Motorroller. Er schreibt ihr Briefe, die er nie abschickt. Nach dem Besuch einer Sternwarte und deutlichen Worten seines Freundes Uli trennt er sich von der Idee Außerirdischer. Ein Unfall seines Freundes Kalle weckt bei ihm erste kriminalistische Phantasien. Nach dem Abitur  fährt er 1977 mit seiner hellblauen Ente 90 Km/h-schnell nach München, schreibt sich am theaterwissenschaftlichen Institut ein. Später begleitet ihn der Leser noch auf einer Fahrt mit einem verrosteten Peugeot 404 nach Südfrankreich, bis dieser kurz vor San Tropez in einer Werkstatt endet, und Axel heillos verleibt in Wohnung und Bett von Francesca, der Automechanikerin. Bis sie ihn vor die Tür setzt „ich bin nicht eine Gefangene. Ich liebe die Freiheit“, und er in Selbstgespräche vertieft nach Deutschland zurückkehrt.  Wo er sich dann an der Schauspielschule bewirbt und zu seiner Überraschung angenommen wird.

Das alles erzählt Axel Milberg so wie er spielt. Unaufgeregt, knapp, trocken, in kurzen episodenhaften Kapiteln. Nachdenklich. Manchmal anekdotenhaft. Manchmal sarkastisch. Manchmal hintergründig. Aber nie dick aufgetragen. Schön und leicht zu lesen, unterhaltsam. Eine ganz normale deutsche Jugend in den 60er, 70er-, 80er-Jahren, in einem biederen Stadtteil. Eine Schilderung in der man sich an einigen Stellen durchaus wiederfindet „Ja, so war es, könnte es zumindest“. Kein Schauspielerrückblick auf Karriere und Rollen. Das autobiografische Porträt einer Zeit mit präzisem Blick auf Details. Aber ein Großteil sei ja erfunden, behauptet er. Ich glaub es ihm nicht.

Milberg, Axel
Piper Verlag
ISBN/EAN: 9783492059480
22,00 € (inkl. MwSt.)